Rettungseinsatz in Rodgau

Sturm überrascht Ehepaar auf Radtour: Mann überlebt nur mit viel Glück

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Der Sturm vom 18. August verursachte nicht nur Millionenschäden. Vor allem hätte er in Rodgau fast einen Toten gefordert.  

Ein großer Sturm überrascht ein Ehepaar auf Radtour in Rodgau: Der Mann überlebt nur mit viel Glück.

Rodgau – Der Ehemann überlebte schwer verletzt nur dank glücklicher Umstände und mutiger Helfer. Drei Stunden lang gaben sie nicht auf. Dann war der 68-Jährige endlich aus dem Chaos geborgen.

Auf dem Gelände mit Tennisclub, Hundeverein, Schützen und Kleintierzüchtern waren die Radfahrer am Nehlsee mitten ins Inferno geraten. Die frühere Lehrerin an der Georg-Büchner-Schule und ihr Ehemann wollen nicht namentlich in der Zeitung genannt werden. Sie fürchten, daraus könne sich ein zu großer Presserummel entwickeln. Weil es ihnen aber wichtig ist, ihren Lebensrettern von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Rettungsdiensten und den Nachbarn öffentlich zu danken, haben sie mit unserer Zeitung trotzdem kurz gesprochen. Die Eheleute sind Pensionäre. 1985 kamen sie aus der DDR in den Westen.

Sturm: Hilfe und Anteilnahme in Rodgau sind phänomenal

„Rodgau ist unsere Heimat geworden. Hier ist es wunderschön“, schwärmt der erfahrene Maschinenbauer. Und lacht dabei so glücklich, als sei der 18. August schon vergessen. Aber die Krücken, der schleppende Gang und der Arm, der sich noch nicht richtig bewegen will, sprechen eine andere Sprache. „Dass wir da lebend herausgekommen sind, ist ein Wunder. Wir danken allen zutiefst, die uns gerettet haben. Die Hilfe und Anteilnahme sind phänomenal“, kann der Ruheständler sein Glück schier nicht begreifen.

Zum Tageslauf gehören für ihn und seine Frau Radtouren. Man will ja fit bleiben. So auch am 18. August: Jügesheim, Seligenstadt und zurück. Schon im Feld sieht der gebürtige Thüringer auf dem Heimweg, dass sich am Himmel etwas zusammenbraut. „Der ganze Dreck und der Hagel, den die Fallwinde vor sich hergeschoben haben – das sah aus wie eine große Bischofsmütze.“

Im Wald beim Hundeverein sucht das Paar Schutz an einer massiven Eiche. Die Fahrräder stehen zwischen beiden. „Der wird schon nicht umfallen, hab’ ich gedacht. So massiv wie der ist.“ Das ist ein Trugschluss. Der Sturmwind dreht den Baum wie ein gigantischer Korkenzieher aus der Erde. Dann stürzt der Koloss um.

Die Eiche fällt zwar nicht direkt auf die Radfahrer. Irgendwie schmettert sie aber im Fallen den 68-Jährigen auf sein Fahrrad, sodass er schwere Verletzungen erleidet: Das rechte Bein reißt auf Hüfthöhe ab, zehn Rippen brechen, eine davon steckt in der Lunge. Die rechte Schulter wird so schwer getroffen, dass Sehnen und Muskeln bersten. Auch die Frau des Schwerverletzten liegt am Boden. Ein Bein ist am Fahrrad eingeklemmt. Derweil wütet der Sturm weiter. Hagel trommelt wie kleine Geschosse auf die Unfallopfer nieder.

Rodgau: Unfallstelle ist im Sturm kaum zu erreichen

Der frühere Entwickler in einer Aluminium-Gießerei liegt mit dem Gesicht im Wasser. Für ihn beginnen quälende Momente. Angst. Orientierungslosigkeit. Sorge um die Frau. Benommenheit. Unsagbarer Schmerz.  Dann Ohnmacht.

Währenddessen kann sich seine Frau mühsam befreien. Und die ersten Helfer treffen ein: Mitglieder des Tennisclubs. Es ist ein glücklicher Zufall, dass sie eine medizinische Ausbildung genossen haben, die bedrohliche Situation sofort erfassen und fachkundig die Erstversorgung übernehmen können. Über Handy setzen sie eine Alarmkette in Gang.

Da die Retter wegen umgestürzter Bäume vom Feld her nicht an die Unfallstelle herankommen, müssen sie sich durch den Wald eine Schneise bis zur B 45 schlagen. Das dauert. Insgesamt vergehen drei dramatische Stunden, in denen alle Hilfskräfte mitten im Unwetter unter größter Gefahr um das Leben des Verunglückten kämpfen. Und das im wahrsten Wortsinn. Einer von ihnen wird von einem Blitz verletzt.

So apokalyptisch die Lage ist – sie hat auch einen kuriosen Moment. Unter den Rettern erkennt die Frau des Verunglückten drei frühere Schüler. Einen davon spricht sie an. „Dich hatte ich in Mathe.“

„Auf die Trage zu kommen, war die Hölle. Dann ging es unter Bäumen durch und über Bäume drüber. Im Hundeverein haben sie die Tür aufgebrochen, um mich zwischenzulagern, als das Wetter wieder schlechter wurde“, weiß der Gerettete noch. Seine nächste Erinnerung ist dann schon das Krankenhaus in Frankfurt.

Nach Unglück in Rodgau: Mann will ohne Krücken am Weihnachtsbaum sitzen

Drei Wochen verbringt das Unfallopfer in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik – zuerst auf der Intensivstation, dann unter weniger kritischen Umständen. Es folgen viele Mobilisierungsstunden beim Physiotherapeuten und ärztliche Nachsorge. Für eine Reha ist es aktuell aber noch zu früh. „Es fehlt an Mobilität. Vielleicht in sechs Wochen.“ Und dann? „Mein Ziel ist: Weihnachten ohne Krücken am Baum sitzen.“

Nach dem schweren Unwetter im August im Kreis Offenbach haben nun Sturmopfer vom Land finanzielle Hilfe gefordert.

Von Bernhard Pelka

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