Gefahren von Onlinespielen vielfältig

Sucht an der Konsole

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Jugendliche probieren bei einer Veranstaltung rund um Computerspiele eine Neuheit aus. Fast jeder zweite Deutsche spielt auf Handy, Tablet oder Computer.

Rodgau - Von der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf bis nach Rodgau ist es zwar ein weiter Weg. Doch zentrale WHO-Themen beschäftigen auch die größte Stadt im Kreis Offenbach. Von Bernhard Pelka 

Zum Beispiel der Umgang mit Medien in Kitas und Familienzentren unter dem Aspekt möglicher Suchtgefahren. Aktuell macht die Stadt zur künftigen Medienausstattung in den Kitas eine Umfrage. Was wird gewünscht? Wie geht man dann mit Laptop & Co. um?.

Gerade erst hat die die Weltgesundheitsorganisation WHO Onlinespielsucht im ICD-11-Katalog ( „Internationale Klassifikation der Krankheiten“) als eigenständige Krankheit eingestuft. Das übermäßige Computerspielen kann also künftig auf Krankenschein behandelt werden. „Diese Entscheidung verleiht dem Thema die Bedeutung, die es verdient“, urteilt Rodgaus Erster Stadtrat und Sozialdezernent Michael Schüßler. „Denn es ist durchaus nicht so, dass da einer bloß ein komisches Hobby hat, sondern dass es sich im Extremfall um ein krankhaftes Verhalten handelt.“

Spielsucht verursacht soziales Elend

Das Personal in städtischen Kitas, im Jugendhaus Dudenhofen und in Familienzentren beschäftigt das Thema vor allem unter dem Aspekt der Vorbeugung. „Wir versuchen, Eltern als Partner zur Seite zu stehen und Orientierungshilfe zu geben.“ Dabei gehe es etwa auch um die Vorbildfunktion. „Wie schaffe ich es, meinen Kindern einen gesunden Umgang mit neuen Medien zu vermitteln? Das ist eine der zentralen Fragen, der Eltern sich stellen“, erläutert Schüßler.

Das alles berührt natürlich auch die Mitarbeiter in den Kitas, im Jugendhaus und in Familienzentren. „Wir diskutieren offen darüber, wenn es zum Beispiel um die Ausstattung mit Laptop, Smartphon & Co. geht.“ Aktuell laufe eine Umfrage zu den diesbezüglichen Wünschen. „Wir wägen das Für und Wider und vor allem den Umfang ab.“

Wie existenzbedrohend übermäßiges Onlinespielen und das Zocken überhaupt (ob zuhause oder in Spielhallen) werden können, erfährt das auch in Rodgau im Beratungszentrum Ost vertretene Suchthilfezentrum Wildhof immer häufiger. In der Beratungsstelle in Offenbach an der Löwenstraße wird deshalb ab dem 1. Juli ein ganz neues Therapieangebot für Onlinespielsüchtige eingerichtet. „Der starken Nachfrage von Angehörigen wegen“, erläutert Mitarbeiterin Stefanie Höft.

Sie betreut zusammen mit ihrem Kollegen, dem Suchttherapeuten Egon Heeg-Matthaei, Patienten, die Glücksspielsüchtig sind und deren oft verzweifelte Angehörige.

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Onlinespielsucht am Computer und die Sucht nach Glücksspielen sind zwar unterschiedliche Fachgebiete. Dennoch haben sie zuweilen eine gemeinsame Ursache: Depressionen. Das Suchthilfezentrum Wildhof betreute 2017 insgesamt 127 von Glücksspielsucht betroffene Klienten und 19 Angehörige. Markant war der Anstieg von Sportwetten und Onlinepokern. Rund 30 Prozent der Patienten haben einen Migrationshintergrund. Die meisten kommen erst unter erheblichem Druck, wenn privates und soziales Elend die Partnerschaft gefährdet, soziale Kontakte abreißen, Selbstvernachlässigung akut wird oder der Schlafrhythmus dahin ist. Oder sobald die Miete nicht mehr bezahlt werden kann und der Rauswurf droht, erzählt Egon Heeg-Matthaei. Fatal: Spielschulden treiben immer nur noch mehr zum Zocken an. „Jeder hofft auf den großen Gewinn, um aus der Schuldenfalle herauszukommen.“

Nach 19 Stunden am PC tot umgefallen

Der Experte kennt natürlich auch das gefährliche Potenzial des anonymen Spielens im stillen Kämmerlein am Computer. Manche halten dies für noch brisanter als das Spielen in öffentlichen Hallen. Die Entscheidung der WHO hält der Suchttherapeut für „überfällig.“ Das dokumentieren Medienberichte eindrucksvoll. Die Deutsche Presseagentur meldet, dass Spieler nach 20, 30 Stunden nonstop tot umgefallen seien. Zum Beispiel 2015 ein 24-Jähriger in Shanghai, der 19 Stunden bei einem Strategiespiel online war oder 2012 ein Teenager in Taiwan, der 40 Stunden ohne Unterbrechung daddelte. Und Anfang letzten Jahres starb ein 35-Jähriger in den USA bei einem Kriegsspielmarathon. Solche Extremfälle sind zwar selten. Aber Ärzte schlagen nach Angaben der WHO Alarm, weil sie immer häufiger spielsüchtige Patienten sehen.

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