Rodgau

Die Kruschelschublade: Unsortierte Erinnerungen

Ein Blick in die Schublade
+
Ein Blick in die Schublade

Es gibt sie in fast jedem Rodgauer Haushalt. Dort landet alles, was kein festes Plätzchen hat, aber trotzdem aufgehoben werden soll. Eine Kruschel- oder Krimskramsschublade.

Rodgau – Sie ist die perfekte Lösung, wenn man nicht weiß, wohin mit Streichhölzern, Gummiringen, Staubtuch, diversen Tütchen mit Blumenfrisch, dem Klingelschild aus der früheren Wohnung oder den zwei schönen Fliesen aus Portugal. Auch das Tischkehrset fügt sich aufs Schönste ein. Drinnen mag heilloses Chaos herrschen, doch von außen betrachtet, sieht die Wohnung schön ordentlich aus.

Für viele ist es die Küchenschublade, in der alles landet. Bei anderen Menschen gibt es eine Verstaumöglichkeit im Flur, bei anderen im Arbeitszimmer. Selbst Ordnungsratgeber, die beim Organisieren helfen wollen, lassen eine Schublade dieser Art zu. Aber wohlgemerkt: nur eine. Sollten auch Sie über eine solche Schatzkiste verfügen, außerdem ein wenig Humor besitzen, in Rodgau leben und der Redaktion einen neugierigen Blick in ihren Krimskrams-Hort gestatten, melden Sie sich unter 6106 6682124 oder red.rodgau@op-online.de. Es ist nicht wichtig, dass sich etwas Besonderes in der Sammlung befindet, die bunte Mischung macht es!

Vor gut einem halben Jahr hat der Architekt Gerd Oczko seine Kruschelschublade ein wenig entrümpelt. Das heißt: Er hat so viel abgetragen, dass sie sich wieder gut schließen ließ. „Das mache ich immer, wenn es zuviel wird“, sagt der 55-Jährige. Außerdem hat er ein kleines System eingeführt und den Inhalt damit übersichtlicher gemacht. „Es ist eine Erinnerungsschublade mit Sachen, die ich hin und wieder suche“, verrät der Brillenträger.

Gerd Oczko

Da ist zum Beispiel der aktuelle Reisepass, der allerdings im vorletzten Jahr abgelaufen ist, wie Oczko bei der Durchsicht überrascht feststellt. Oder die marokkanische Reise-Geldbörse, die noch aus der „Sturm-und-Drang-Zeit“ stammt, als ihr Besitzer zwischen 16 und 19 Jahre alt und in Spanien, Frankreich oder Österreich unterwegs war. „Da waren schon viele Währungen drin“, erinnert er sich an die Zeit vor dem Euro.

Die Kruschelschublade von Gerd Oczko befindet sich im Schlafzimmer. Übrigens getrennt von dem Krimskramshort seiner Frau Heidi. Beide sagen wie aus einem Mund: „Eine Schublade zusammen? Das ginge bei uns gar nicht.“ Der gelernte Schreinermeister, der ein Fachhochschulstudium aufgesattelt und sich auf den Umbau von bestehendem Wohnraum spezialisiert hat, zeigt weitere Schätze aus seiner Kiste: Sonderausgaben von Geldstücken, ein 10-Mark-Stück. Und: ein winziger Goldbarren, ein Geschenk. Daneben liegen ein alter Führerschein und der Impfausweis. Außerdem gehören für den Architekten „gewisse Dinge, die ich nur dort verstaue und schnell brauche“ in den Ablageort. Dazu zählen etwa die Gebrauchsanweisungen für diverse Heizungsthermostate.

Ein Anhänger mit Foto stammt aus der Kindergartenzeit von Tochter Isabelle. Damit wurde signalisiert, welche Kinder anwesend waren. „So etwas hat natürlich einen hohen Stellenwert.“

Obwohl sich der Diplom-Ingenieur für einen ordentlichen Menschen hält, habe er auch „Leichen im Keller“, wie er sagt. Gemeint sind damit Keller und Nebenräume, die er schon lange mal ausmisten will. Zu den geplanten Vorhaben zählt aber auch, endlich die Vorsorgemappe auszufüllen. Allerdings liegt die wieder ganz unten in der Schublade. Aktuelleres liegt oben wie etwa die Einladung zur Darmkrebsvorsorge.

Eine Urkunde für den „Qualified Irish Whiskey Taster“ aus Dublin samt der passenden Hochtönerflöte, die typisch für die Musik der grünen Insel ist, findet sich ebenfalls. Darüber hinaus liegen in der Kruschelschublade jede Menge Eintrittskarten, die Oczko in normalen Zeiten für die Theatermacherin Tanja Garlt verkauft. Glückwunschkarten, Postkarten von Urlauben und Städtetrips: jede Menge „unsortierte und sortierte Erinnerungen“, wie der Besitzer der Schatzkiste sagt.

Besonders am Herz aber liegen ihm offensichtlich die laminierten Kinderbilder mit seiner Zwillingsschwester, die es zum 50. Geburtstag gab und der nicht eingelöste Gutschein von Tochter Selina, die damals neun Jahre alt war: für vier Mal Auto und sechs Mal „Motorat“ putzen.

Ausflugstipps aus der Zeitung herausgerissen oder die erste technische Zeichnung, die Oczko gemacht hat (von einem Regal mit Schubladen), all diese Dinge sind es wert, aufgehoben zu werden. Und für den Sänger, der sich in mehreren Chören und Projekten tummelt, ist die Schublade dafür genau der richtige Ort. (Simone Weil)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare