Neues Wohnhaus soll gebaut werden

Ehemaliges Arresthaus des NS-Gefangenenlagers Rollwald wird abgerissen

Das Arresthaus des Lagers Rollwald war im Gegensatz zu den Lagerbaracken aus Stein gebaut. In dem etwa 50 Meter langen Bau befanden sich 60 Einzelzellen „mit hölzernen Bettgestellen und einem Holzfass für die Notdurft“, wie es im Buch „Das Lager Rollwald“ von Heidi Fogel (2004) heißt. Dieses Foto entstand um 1945. Foto: p/Sammlung Werner Stolzenburg
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Das Arresthaus des Lagers Rollwald war im Gegensatz zu den Lagerbaracken aus Stein gebaut. In dem etwa 50 Meter langen Bau befanden sich 60 Einzelzellen „mit hölzernen Bettgestellen und einem Holzfass für die Notdurft“, wie es im Buch „Das Lager Rollwald“ von Heidi Fogel (2004) heißt. Dieses Foto entstand um 1945.

Das ehemalige Arresthaus des NS-Gefangenenlagers Rollwald wird abgerissen. Dort soll ein neues Wohnhaus entstehen.

Rollwald – Das ehemalige Arresthaus des NS-Gefangenenlagers Rollwald wird abgerissen. Das Gebäude an der Rhönstraße diente in den letzten sieben Jahrzehnten als Wohnhaus. Eine alte Zellentür aus der Einliegerwohnung soll der Nachwelt erhalten bleiben.

Nur wenige Stellen in der Siedlung Rollwald erinnern noch an das Lager aus der Zeit des Nationalsozialismus. Dazu gehört auch das ehemalige Arresthaus. Von dem rund 50 Meter langen, niedrigen Gebäude sind noch zwei Drittel übrig; der mittlere Teil wurde schon vor vielen Jahren durch ein zweistöckiges Wohnhaus ersetzt. In wenigen Wochen wird ein weiteres Stück abgerissen.

Ortstermin im Abbruchhaus. Ein unscheinbarer Hintereingang führt in die Einliegerwohnung. Ein kurzer Flur, dann rechts um die Ecke, und da ist sie, die alte Zellentür: aus groben Brettern gezimmert, mit Guckloch und stabilem Riegel. Dahinter befindet sich ein kleines Badezimmer.

Franz Dürsch vom Verein für multinationale Verständigung Rodgau (Munavero) greift zum Schraubenschlüssel. Er löst die langen Schrauben, mit denen die Türzarge in der Wand verankert ist. Zum Schluss braucht er Hammer und Meißel.

Nun liegen die weiß lackierten Holzteile in einer Garage an der Seestraße. Wo die Zellentür ihren endgültigen Platz findet, steht noch nicht fest. Munavero-Vorsitzender Dr. Rudolf Ostermann: „Wir wollten sie sichern, bevor sie weg ist.“

Eigentlich wollte der Verein das geschichtsträchtige Teil schon vor zwei Monaten als Blickfang einer Ausstellung im Bürgerhaus Nieder-Roden präsentieren. Am 26. März, dem 75. Jahrestag der Befreiung der Rodgau-Gemeinden vom Hitler-Regime, wollte sich die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Gedenkstätten in Nieder-Roden treffen. „Aber dazu ist es wegen Corona nicht mehr gekommen“, so Ostermann.

Beim LAG-Treffen wollte Munavero auch eine Smartphone-App vorstellen, mit der Besucher in Rollwald auf Spurensuche gehen können. Schüler sollten das Programm zuvor testen. Auch dieser Testlauf fiel bisher der Corona-Pandemie zum Opfer. Wann er stattfinden kann, steht in den Sternen. Ohnehin muss der Verein die App an einem Punkt ändern: Die beiden dreieckigen Fenster an der Giebelseite des ehemaligen Arresthauses wird es in ein paar Wochen nicht mehr geben.

Das Haus Rhönstraße 15 wird voraussichtlich Anfang Juli abgerissen, wie Eigentümer Christian Schwarz aus Mühlheim ankündigt. Er will dort ein Sechsfamilienhaus errichten lassen. Es ist das erste Projekt, das er als Bauträger verantwortet. „Alle Wohnungen sind schon verkauft“, freut er sich. Ende 2021 sollen die neuen Bewohner einziehen können.

Das zum Abriss bestimmte Gebäude ist nur ein Drittel des ehemaligen Arresthauses – von der Rhönstraße aus gesehen das rechte Drittel. Das mittlere Drittel wurde schon vor 25 bis 30 Jahren abgerissen und mit einem Wohnhaus bebaut. Dort befand sich von 1961 bis 1978 eine sogenannte „Zahlstelle“ der Sparkasse Dieburg. Das linke Drittel bleibt vorerst erhalten. Darin hatte Johann Stelzmüller in der Nachkriegszeit die erste Gaststätte Rollwalds eröffnet. Noch heute ist dort ein griechisches Lokal.

Vielleicht ist die alte Zellentür nicht das einzige Fundstück aus dem Arresthaus, das der Nachwelt erhalten bleibt. Eine frühere Eigentümerin des Häuschens vermutet, dass an den Innenwänden noch Inschriften einiger Insassen sein könnten. Ob sie wohl zum Vorschein kommen, wenn man die Tapeten ablöst?

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