Mit voller Wucht

Keine Show, sondern kraftvoller Sport: Schwertkämpfe wie im Mittelalter

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Mitglieder der Vereine „Grenzwacht“ und „Zitadelle“ zeigen beim Judo-Zeltlager am Don-Bosco-Heim, was Kämpfen heißt.

Nieder-Roden - Sie lassen sich in schwere Rüstungen einschnüren, schwitzen unter Stahlplatten und hauen mit stumpfen Schwertern aufeinander ein: Etwa 250 Menschen bundesweit praktizieren Schwertkämpfe nach Art des Mittelalters. Von Ekkehard Wolf 

Die Teilnehmer der Judo-Sommerschule erhielten einen Einblick in diese unbekannte Sportart.
Was trägt ein Ritter unter seiner Rüstung? T-Shirt, Leggings und dicke Sportstrümpfe. Zwischen dem Unterzeug und dem stählernen Panzer befindet sich eine weitere Kleidungsschicht. Ein Polster aus Leinen und Wolle lindert die Wucht der Schläge und verteilt sie auf eine größere Fläche. Außerdem schützt der dicke Stoff vor der Reibung des Metalls. Sonst würde jede Bewegung die Haut aufschürfen.

Man braucht einen Helfer, um eine Rüstung anzuziehen. Es dauert 20 Minuten, bis alles sitzt, bis die Schnüre verknotet und die Riemen festgezurrt sind.

„Kannst du mir mal die Schienbeine anziehen?“, fragt Vanessa Völker ihren Begleiter. „Und bitte mach‘ mir gleich auch die Oberschenkel fest.“ Sie hat gerade erst mit diesem sportlichen Hobby angefangen und besitzt noch keine eigene Rüstung. Einige Teile sind geliehen, andere aus zweiter Hand gekauft. Ihr Freund Sascha Geisel ist schon länger im Mittelalter daheim. Seine Rüstung stammt aus Russland und der Ukraine, wo diese Sportart relativ weit verbreitet ist.

Die Schutzkleidung wiegt je nach Bauart 30 bis 40 Kilogramm. Sascha Geisel trägt einen Plattenpanzer um den Oberkörper. Vanessa Völker hingegen hat sich in eine Brigantine eingeschnürt, eine Steppjacke mit eingenieteten Metallplättchen. Heiß ist es darin auf jeden Fall. „50 bis 60 Grad“, sagt sie. „Unerträglich“, sagt er. Nicht umsonst gab es früher Kriegspausen im Sommer und im Winter.

Es klirrt auf Schritt und Tritt, als die Kämpfer zur Wiese am Don-Bosco-Heim schreiten. Die Rüstung schränkt nicht nur ihre Bewegungsfreiheit ein, sondern auch die Sicht. „Ich komme damit zurecht“, sagt Sascha Geisel hinter dem gelochten Stahlblech. Stimmt: Er wehrt viele Treffer ab und schlägt nur selten daneben.

Die Hobby-Ritter kämpfen mit ganzem Körpereinsatz. „Vollkontakt“ nennen sie das. Jeder Schlag ist echt. Mit voller Wucht donnern die Schwerter auf den Panzer, wenn sie nicht vorher vom Schild abgefangen werden.

Die Schwerter sind stumpf, um schwere Verletzungen zu vermeiden. Aus dem gleichen Grund sind bestimmte Schläge verboten: Die Kämpfer dürfen mit dem Schwert nicht stechen und sie dürfen es nicht als Hebel ansetzen. Schläge ins Genick sowie in Knie- und Ellenbeugen sind tabu. Alles andere ist erlaubt. Im Turnier zählt jeder Treffer.

Neben Schwert und Schild kämpfen die Sportler auch mit dem Streitkolben oder der Hellebarde. Eine eigene Disziplin sieht aus wie eine organisierte Massenschlägerei: Beim sogenannten Bohurt treten fünf mal fünf bis 21 mal 21 Hobby-Ritter gegeneinander an. „Da geht es darum, den Gegner zu Boden zu bringen, egal wie“, sagt Sascha Geisel. Das geht nicht immer ohne Blessuren ab: „Hämatome gibt es genug.“

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„Historical Medieval Battle“ (mittelalterliche Schlacht) nennt sich diese Sportart, in der sogar Europa- und Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Wer vorher Judo betrieben hat, ist im Vorteil, wie Sascha Geisel sagt: „Gleichgewicht und ein fester Stand sind die halbe Miete.“

Mit dabei in Nieder-Roden ist die Vierte der Weltmeisterschaft im Mittelalterkampf. Dr. Nicole Friedersdorf (Büdingen) gehört zu der Handvoll Frauen in Deutschland, die diesen Sport betreiben. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Axel absolviert sie zehn bis zwölf Wettkämpfe pro Jahr. „Ein bisschen verrückt muss man schon sein“, lacht sie. Bei Schaukämpfen vor großem Publikum hat sie aber auch erlebt, welche Aggressionen das Schlachtengetümmel bei den Zuschauern wecken kann. Kopfschüttelnd erzählt sie vom englischen Heavy-Metal-Festival „Bloodstock“, wo ein paar tausend Zuschauer den Kämpfern zubrüllten, sie sollten ihre Gegner töten. Aber darum geht es den Hobby-Rittern nun wirklich nicht.

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