Platz am Pfarrhaus derzeit leer

Seligenstädter Steinbildhauer restauriert Standbild

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Gut eine Tonne wiegt das Standbild, das Dimitri Messler derzeit aufarbeitet. Im Rücken der Statue befinden sich massive Ankervorrichtungen. Sie muss früher also einmal an einer Wand gestanden haben.

Weiskirchen - Der kleine Finger ist zerbröselt, dem Engel fehlt ein Teil vom Flügel: Die Statue des Heiligen Nepomuk sieht mitgenommen aus. Der Zahn der Zeit hat auch am Sockel des Standbilds aus Mainsandstein stark genagt. Von Bernhard Pelka 

Experten in der Seligenstädter Steinmetzwerkstatt von Mario Seiler möbeln die Figurengruppe derzeit auf. Das Markante an der Statue: 1736 ließ der damalige Pfarrer sie als Mahnung an seine Gemeinde aufstellen. Die hatte gegen ihn zuvor einen Prozess angestrengt. Von wegen heile und fromme Kirchenwelt: 1736 strengten Mitglieder der Weiskircher Pfarrgemeinde gegen Pfarrer Johannes Ignatius Jäger einen Prozess an. Es waren Bauern, die sich am Verhalten des Gottesmannes störten. Bei der kurfürstlichen Behörde in Aschaffenburg zeigten sie ihn an. Ihrer Anzeige fügten sie per eidesstattlicher Erklärung eine lange Liste angeblicher Verfehlungen des katholischen Priesters bei. Kern war, dass der Seelsorger für seine Aufgaben in der Gemeinde aus verschiedenen Gründen nicht greifbar sei, wenn man ihn brauche. „Die härtesten Vorwürfe waren, dass der Pfarrer im Heusenstammer Schloss oft mit dem Grafen Karten spielt und dass er mit seiner Haushälterin Ausfahrten in der Kutsche macht“, erzählt Helmut Trageser, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins. Dessen Buch „Geschichte und Geschichten. 700 Jahre Weiskirchen“ widmet der markanten Episode einige Zeilen.

Der kleine Finger war schon einmal repariert und gedübelt worden. Jetzt ist er wieder zerbröselt.

Ein weiterer Grund, den Pfarrer anzugehen war, dass er sich für den Zehnt, den ihm Bauern von der Ernte schuldeten, immer höchstpersönlich angeblich die ertragreichsten Äcker aussuchte. Die aufmüpfigen Bürger Weiskirchens verloren den Prozess. Die Klagen wurden abgewiesen. Pfarrer Jäger ließ 1736 daraufhin eine Statue anfertigen, die es in sich hatte – vielleicht ganz nach dem Motto: Rache ist süß. Dem Heiligen Nepomuk zu Füßen ließ er vom Bildhauer einen Engel beifügen, der einen Finger vor den Mund hält. „Diese Geste sagt leicht verständlich für den Betrachter „Hütet eure Zungen“, erläutert das Heimatbuch. Dazu muss man wissen, dass der Heilige Nepomuk nicht nur als Brückenheiliger gilt, sondern auch als Schutzpatron der Verleumdeten. Und verleumdet fühlte sich der Priester von seinen Schäfchen damals ganz sicher. Geblieben ist er in der Gemeinde trotzdem noch bis 1740.

Seit 1736 steht die Figurengruppe neben dem Pfarrhaus. Nach einer Sanierung Ende der 80er Jahre ist jetzt erneut eine Restaurierung erforderlich geworden. Darum kümmern sich Experten in der Steinmetzwerkstatt von Mario Seiler. Er wohnt in Weiskirchen, hat seinen Betrieb aber in Seligenstadt. Dort steht Nepomuk nun nach einem aufwendigen Transport zwischen Maschinen, Steinvorräten und Werkzeugschränken auf einem drehbaren Teller auf dem Boden. Steinbildhauermeister Dimitri Messler und seine Kollegen haben zunächst einmal vorsichtig Flechten und Moose von der rauen Oberfläche entfernt. Das geschah so schonend wie möglich „bloß mit Wasser und verschiedenen Bürsten“, erläutert der 31-Jährige. „Erhalten, was vorhanden ist“, ist sein Motto. Danach folgte eine Bestandsaufnahme. Klar ist schon jetzt, dass ein Finger und ein Flügel mit speziellem Restaurationsmörtel nachmodelliert werden müssen. Auch Abplatzungen, die teils schon einmal geflickt worden waren, müssen erneut versorgt werden. Überraschungen können noch kommen.

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Den Alltag in dem Seligenstädter Steinmetzbetrieb dominieren Aufträge herkömmlicher Art: Gestaltung von Bädern, Gräbern, Küchen und Treppen. „Dieser Auftrag ist etwas Besonderes. Da freut man sich sehr drauf“, beschreibt Messler seine Motivation. Auch für die Lehrlinge sei es gut, „zu sehen, wie früher gearbeitet wurde und was möglich ist“. Ende Oktober kehren Nepomuk und der mahnende Engel an ihren angestammten Platz zurück.

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