SGN-Neujahrsempfang

Bruder Paulus fordert Digital-Fasten und mahnt Verantwortung an

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Demografie im Glas: Mit Trinkgefäßen unterschiedlicher Größe und Beschaffenheit illustrierte Bruder Paulus beim SGN-Neujahrsempfang die Rodgauer Generationen-Struktur.

Nieder-Roden – Spielregeln achten, Spielräume nutzen und mit dem Ergebnis zufrieden sein – wer das schafft, ist in den Augen von Bruder Paulus Terwitte ein freier Mensch.

Eine knappe Stunde brauchte der wortgewandte Kapuzinermönch am Sonntag, seinem Publikum beim Neujahrsempfang der SG Nieder-Roden die Nöte der Zeitgenossen und ihre Gründe zu erklären. Rund 80 Zuhörer im Vereinsheim an der Hainburgstraße lernten auch, wie sie sich helfen können: Nicht ständig begehren, was man nicht haben kann.
Bevor der medienerprobte Geistliche aus dem Münsterland, aktuell Vorsteher des Frankfurter Kapuzinerkonvents Liebfrauen, mit griffigen Formeln und bisweilen drastischer Wortwahl Perspektiven zurechtrückte, übte sich die Vereinsfamilie in routinierter Selbstbetrachtung. Die besten Neujahrswünsche und Ermunterung zu neuen Taten im neuen Jahr hatten unter anderem Bürgermeister Jürgen Hoffmann, Landrat Oliver Quilling und Jürgen Weil namens des Sportkreises Offenbach mitgebracht. SG-Präsident Karl-Heinz Kohls stimmte die Mitglieder unter anderem auf das 75-jährige Bestehen des Vereins im kommenden Jahr ein. Der Landrat griff in seiner Ansprache auch längerfristige Zukunftsfragen des über 1 000 Mitglieder starken Sportvereins auf und sicherte dem Vorstand tatkräftige Unterstützung des Kreises bei einer eventuellen Fusion mit der TGN, dem zweiten Nieder-Röder Großverein, zu.

Über Standort und Geschicke seines Gastgebervereins, auch über Rahmendaten wie etwa die Rodgauer Demografie zeigte sich Bruder Paulus gut informiert. Neues zu wagen findet der Geistliche im Prinzip nie verkehrt. Vielleicht sei über das Zusammengehen hinaus sogar eine komplette Neugründung das Mittel der Wahl – freilich nur mit einem Vorstand ohne Rentner-Dominanz. Vor Wunschdenken im Verein, der Politik und im richtigen Leben warnte der Kapuziner indessen mehrfach und eindringlich: „Dort, wo man steht, gestalten was geht“ – darauf komme es letztlich in allen Lebensbereichen an.

Diese Erkenntnis und die Konsequenzen daraus geraten nach Wahrnehmung des Referenten freilich immer mehr aus dem Blick. Zwar nahm er die gewichtige Vokabel Verantwortung bei seinen amüsanten Exkursen und verblüffenden Analogien gewürzten Vortrag nie in den Mund, sprach aber wiederholt von den Pflichten des Individuums gegenüber der Gemeinschaft. Bei der Familie angefangen, sei die Gesellschaft nun einmal Tatsache, ersetzbar weder durch falsch verstandene Freiheit noch ausufernden Konsum: „Wenn ich zuhause nichts mit mir anzufangen weiß, dann auch nicht im Urlaub.“

Gott, konstatierte der Theologe, „umarmt uns mit der Wirklichkeit und nicht mit Träumen“. Wer sich aus- und damit selbst einschließe, bringe sein Leben um seinen Sinn – eine sehr alte Einsicht, denn schließlich leite sich der biblische Begriff der Sünde von Absondern her.

Religiös bebilderte Paulus auch seinen medienkritischen Exkurs ins Paradies. Manches Smartphone, verriet er seinen amüsierten Zuhörern, ziere nicht umsonst ein angebissener Apfel, mische doch Diabolus – der „Durcheinanderbringer“ aus dem Griechischen – menschliche Beziehungen mit dem Technik-Wunder für die Hosentasche gründlich auf. Bleibe das Weltbild aufs Display fixiert, versinke die Menschlichkeit in der Flut schlechter Nachrichten aus „angeblich sozialen Netzwerken“ – dabei werde die Welt immer besser: „Weniger Straftaten bei uns, weniger Hunger in Afrika – bekommen wir das überhaupt mit?“.

So einfach ist Dampfgaren

Als Kur für die Seele empfiehlt Bruder Paulus dosierte Abstinenz – für den Anfang vielleicht in der Fastenzeit: Finger weg vom Handy nach 20 Uhr, Zeit nehmen für die nicht digitale Wirklichkeit. Dann falle eventuell auf, dass unter dem Trommelfeuer unaufhörlicher Kritik die eigene Mündigkeit leide: Sich erst zu bewegen, wenn „die da oben“ es tun, erinnere an den Absolutismus. Zeit auch für ein Zurück zur Kultur, nicht zuletzt im täglichen Umgang miteinander. Er selbst, betonte der Kapuziner, sei immer für den kritischen Blick – aber: „Vor jede Kritik gehört ein Dankeschön.“ (zrk)

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