Rodgau: Arbeitskreis für Heimatkunde erweckt Amateurfilme der Jahre 1956 bis 1986 zu neuem Leben

Sommernachtskino im Stil der Wochenschau

Hausfassade als Leinwand: Diese Szene zeigt den Abriss der Werksgebäude der Firma Wilz, wo kurz darauf der erste Getränkemarkt des Orts entstand.
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Hausfassade als Leinwand: Diese Szene zeigt den Abriss der Werksgebäude der Firma Wilz, wo kurz darauf der erste Getränkemarkt des Orts entstand.

Eine Zeitreise in bewegten Bildern: Der Arbeitskreis für Heimatkunde Nieder-Roden erweckt Amateurfilme der Jahre 1956 bis 1986 zu neuem Leben. Jetzt ging die erste Heimatfilmnacht seit fast zwei Jahren über die Bühne.

Rodgau - Im improvisierten Open-Air-Kino im Hof von Brigitte und Willi Heger an der Schulstraße sahen fast 50 Besucher Szenen aus den dokumentarischen Amateurfilmen, die im Auftrag der Stadt entstanden und nun im Stadtarchiv liegen. Adam Müller und später Rudi Keller hatten Alltagsszenen und lokal bedeutsame Ereignisse aufgenommen.

Seit einigen Jahren ist der Arbeitskreis für Heimatkunde dabei, die Filmbestände zu digitalisieren. Vorsitzender Frank Stoffels hat sich dieser Aufgabe angenommen.

Rodgau: Als der Badesee im Winter noch zugefroren war

Zu Beginn gab’s Filmausschnitte von 1986, „gefilmt im Stil einer Wochenschau“, wie Stoffels sagt: Szenen aus dem Alltag, in diesem Fall am Badesee. Danach: der See im Winter, 18,5 Zentimeter dick zugefroren, mit Eisläufern in hellen Scharen. „Am FKK-Strand war dann nichts mehr los“, scherzte Günther Keller, der die Filme aus dem Stegreif kommentierte.

Und auch das passt zum Wochenschau-Stil: hoher Besuch in der Kleinstadt, Anzugträger mit ernster Miene beim Händeschütteln. Dazu ein Sprecher aus dem Off. Im Mittelpunkt stand Eberhard Diepgen. Der damalige Regierende Bürgermeister Berlins enthüllte eine „Berlin-Säule“ vor der Volksbank. Zwei Tage später meldete unsere Zeitung: „Berlin-Säule stand nur einen Tag.“ In einem Anflug von Humor filmte Heimatfilmer Rudi Keller auch diesen Zeitungsartikel ab.

Ein Blick zurück: Zu den ersten Farbfilmszenen aus dem Ort zählen Bilder von den Bauarbeiten am Erweiterungsbau der Schule am Bürgerhaus. „1967 muss das gewesen sein“, meint Frank Stoffels. Etwa um diese Zeit entstand auch die Trauerhalle auf dem neuen Friedhof.

Mit Live-Kommentaren reicherte Günther Keller den Heimatfilmabend an.

Die ältesten Szenen des Filmabends stammten vom Kreisfeuerwehrtag 1956. Das damals eingeweihte Feuerwehrhaus steht schon lange nicht mehr. Bei einer Übung an der Hintergasse (heute: Karolingerstraße) setzten die Einsatzkräfte eine Scheune unter Wasser. Schon damals gab es Statisten, die Verletzte mimten. „Da durfte die Rotkreuzschwester Helmi Keller zeigen, was sie kann“, berichtet Frank Stoffels. Das Rote Kreuz hatte damals einen Stützpunkt in einem kleinen Häuschen an der Ecke Frankfurter/Römerstraße. Aber das wissen nur noch die älteren Nieder-Röder. Es ist ja auch 65 Jahre her.

Der Film vom Feuerwehrfest ist ein Beispiel dafür, wie der Arbeitskreis für Heimatkunde die historischen Aufnahmen verarbeitet. Die Ehrenamtlichen beschränken sich nicht nur darauf, die Filme zu digitalisieren. Sie reichern das Material mit Fotos, Zeitzeugenberichten, Karten und Dokumenten an, sodass es auch für später Geborene verständlich bleibt. Im Videoschnitt berücksichtigen sie heutige Sehgewohnheiten.

Corona stoppt Gespräche mit Zeitzeugen in Rodgau

Während der Pandemie ist auch diese Arbeit ins Stocken geraten. Gespräche mit Zeitzeugen seien praktisch unmöglich gewesen, bedauert Stoffels. Die ältere Generation sei durch Covid-19 besonders gefährdet: „Wir konnten ja nicht zu den älteren Leuten gehen und Zeitzeugeninterviews mit ihnen führen.“

Ein zweiter Hemmschuh ist das Geld. Die Videodaten belegen viel Speicherplatz. Jede Datei wird mehrfach gesichert, damit der Ausfall einer Festplatte nicht gleich zum Fiasko wird. „Wir müssen mehr Speicherplatz kaufen“, so Stoffels. Dazu sei der Verein auf Spenden angewiesen.

Das Interesse an der Digitalisierung der Heimatfilme sei ungebrochen, betont Frank Stoffels. Der Film-Fundus im Stadtarchiv sei immer wieder für Überraschungen gut: „An vielen Stellen wissen wir nicht, was uns begegnet.“

Die Beschriftung der Filmrollen stimmt nicht immer mit dem Inhalt überein. Das liegt an der hemdsärmeligen Art, in der das Filmmaterial über viele Jahre hinweg genutzt wurde. Je nach Wunsch stellte Heimatfilmer Rudi Keller die Szenen immer wieder neu zusammen: mal zu einem Vereinsjubiläum, mal für einen Seniorennachmittag. Jede Vorführung war ein einmaliges Erlebnis, das sich aus den Erinnerungen des Heimatfilmers und seiner Zuschauer speiste. Rudi Keller kommentierte die Filme aus einem schier unerschöpflichen Schatz an Erfahrungen und Anekdoten – bis ihn die Erinnerung nach und nach verließ. (Von Ekkehard Wolf)

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