Konfirmanden informieren sich über NS-Gefangenenlager

Auf Spurensuche in Rollwald

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Von der Baracke zur Taverne: Der langgestreckte Bau des Restaurants Alt-Athen ist eines der letzten beiden ehemaligen Lagergebäude, die noch erhalten sind.

Rollwald – Nicht wissen, totschweigen, nicht sehen wollen – ein spätes, aber lehrreiches Kapitel in der Geschichte des ehemaligen Strafgefangenenlagers Rollwald könnte so überschrieben sein.

Wissen, reden und hinschauen können sollten zwölf Konfirmanden, die am Samstag die Gedenkstätte besuchten. Zumindest einige der jungen Leute sehen den kleinsten Rodgauer Ortsteil nun mit anderen Augen.

Denn in Rodgau zu leben, vielleicht in Jügesheim, Dudenhofen oder Weiskirchen aufgewachsen zu sein, wappnet nicht automatisch mit Kenntnissen über lokale Vergangenheit. „Ich habe nicht gewusst, dass es hier so was gab“, sagt eine der Jugendlichen nach dem Rundgang mit Werner Stolzenburg. Zusammen mit Rudolf Ostermann, dem Vorsitzenden des Vereins für multinationale Verständigung (Munavero), hatte Stolzenburg die jungen Leute und Pfarrer Hansjörg Rekow von der S-Bahn abgeholt und knapp eine Stunde lang durch Rollwald geführt.

Ein Spaziergang durch ein scheinbar ganz normales Wohnviertel, das Rollwald mit seinen aktuell rund 2000 Einwohnern ja auch ist. Erst zum Schluss ließ die Gedenkstätte des ehemaligen Lagerfriedhofs an der Gemarkungsgrenze zu Ober-Roden Spuren sicht- und greifbar werden. Mindestens 120 Lagerhäftlinge, gestorben oft an Auszehrung, Mangelerkrankungen oder Erschöpfung durch Zwangsarbeit, wurden nach 1944 dort unter schlichten Metallkreuzen beigesetzt. In Rollwald gestorben sind laut Stolzenburg, der sich intensiv mit der Geschichte des Lagers beschäftigt hat, von 1938 bis Kriegsende weit über 200 Häftlinge.

Spuren des ehemaligen Strafgefangenenlagers suchten Rodgauer Konfirmanden in Rollwald. Werner Stolzenburg zeigte ihnen unter anderem die früheren Beamten-Wohnhäuser (im Hintergrund), deren flache, hochgelegene Fenster den Blick ins Lager-Innere verwehrten. Rechts im Bild: Pfarrer Hansjörg Rekow.

Nein, ein Konzentrationslager wie Dachau oder Buchenwald war Rollwald nicht. Eingeliefert und als billige Arbeitskräfte missbraucht wurden rechtskräftig verurteilte Gefangene mit Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren – freilich unter einem Unrechtsregime, wie Rudolf Ostermann betont. Kleinkriminelle wie etwa Diebe würden auch heute noch bestraft, nicht aber sogenannte Landstreicher, Kriegsdienstverweigerer aus Glaubensgründen, Homosexuelle oder Menschen, die unerlaubt „Feindsender“ im Radio gehört hatten. Weil die NS-Führung aus dem früheren Wald zwischen Nieder- und Ober-Roden Ackerland machen wollte, mussten sie alle Schwerstarbeit leisten. Unter menschenunwürdigen Bedingungen, unterernährt und unter einem strengen, oft gewalttätigen Lagerregime.

Um die 10 .000 Menschen dürften in den sieben Jahren das Lager Rollwald durchlaufen haben. Nach Kriegsende quartierten die Amerikaner dort deutsche Kriegsgefangene ein, in einigen Baracken zeitweise auch Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Geblieben sind laut Stolzenburg vor allem Justizbeamte, die mit ihren Familien in den Siedlungshäusern zwischen der heutigen Rhön- und der Ober-Rodener Straße wohnten und im Lager Dienst taten. Einigen dieser Häuschen sieht man ihren Ursprung noch an: Die dem Lager zugewandten Küchenfenster sind flach und liegen so hoch, dass die Hausfrau von Leid und Gewalt hinter dem Stacheldraht nichts mitbekam.

Baugeschichte in Rollwald

Stehen geblieben sind auch zwei flache, lange Lagergebäude. Eines beherbergt heute ein Restaurant. Sonst gäbe es wohl keine Spuren mehr, hätten sich in der Nachkriegszeit jene durchgesetzt, die von all dem nichts mehr hören und sehen wollten. Das seien, so sagten auch zuletzt noch manche Gegner, doch alles Verbrecher gewesen. Erst 1983 ließ die Stadt nach langen Diskussionen einen Gedenkstein setzen. Dass es den Stein und seit einigen Monaten auch die Friedhofs-Gedenkstätte gibt, ist laut Rudolf Ostermann nicht zuletzt der Initiative junger Leute zu verdanken: Evangelische Jugendliche aus dem Dekanat Rodgau hätten mit als Erste die Geschichte des Lagers erkundet. Auch ein provisorisches Denkmal aus Backsteinen hätten diese Pioniere gebaut. Unbekannte stießen es mehrfach um. (zrk)

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