Stadt ohne echte Stadtmitte

Kampf ums Überleben für den Einzelhandel

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Mehrere Geschäfte in der Jügesheimer Ortsmitte haben in den letzten Jahren zugemacht. Ein Nahversorgermarkt auf dem ehemaligen Feuerwehrgelände könnte mehr Kunden in den Ortskern ziehen.

Rodgau - Das Ladensterben in der Jügesheimer Ortsmitte macht Schlagzeilen. Die jüngsten Geschäftsschließungen (Sport Berger, Feinkostgeschäft Culinara) dürften nicht die letzten gewesen sein. Der Räumungsverkauf von Sitas Moden hat damit allerdings nichts zu tun: Das Modegeschäft an der Vordergasse zieht im März ins Nachbarhaus um. Von Ekkehard Wolf

Für Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD) ist das Ladensterben die logische Konsequenz aus Fehlern der letzten Jahrzehnte: „Wir haben immer gesagt, dass das kommt.“ Mit weiteren Schließungen sei zu rechnen: „Es ist nicht fünf vor, sondern zehn nach zwölf.“ Hoffmann spricht von „versäumten Chancen, grundlegende Entscheidungen für die Entwicklung dieser Stadt zu treffen“. Politik und Bürger müssten sich von dem Gedanken lösen, dass alles so bleiben solle, wie es ist. Veränderungen seien notwendig: „Ich habe das Gefühl, dass viele es erst verstehen, wenn der letzte Laden zugemacht hat.“

Ausverkauf: Sporthändler Karl Berger kritisiert Fehler in der Stadtentwicklung. Sein Geschäft gibt er nach 30 Jahren auf.

Die Fernsehsendung „Hessenschau“ hatte am vergangenen Samstag die Situation in Rodgau mit der in Bad Vilbel verglichen. Während hier der Einzelhandel ums Überleben kämpft, gibt es dort nach einer umstrittenen Modernisierung eine lebendige Stadtmitte mit Einkaufszentrum und großer Stadtbibliothek. Händler wie Karl Berger (Sportgeschäft) und Renate Haller (Bioladen) sprechen von jahrelangen Versäumnissen in Rodgau. Seit Jahrzehnten sei nichts passiert, sagte Berger in einem Vier-Minuten-Beitrag der Fernsehsendung „Hessenschau“ vom vergangenen Samstag. Haller wurde mit den Worten zitiert, was in den letzten 20 Jahren verschlafen worden sei, lasse sich nur schwer kurzfristig aufholen.

Der Wille der Bürgergesellschaft sei entscheidend für Veränderungen, betont Bürgermeister Hoffmann. Politik, Grundeigentümer und Investoren könnten jeder für sich allein wenig ausrichten. Dies habe sich bei den Bemühungen zur Innenstadtentwicklung in den Jahren 2014 bis 2016 gezeigt. Im Hinblick auf Bad Vilbel sagt Hoffmann: „Interessant ist, dass das, was hier immer zerredet wurde, dort keine Frage ist.“

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Aktualisierung: In der ursprünglichen Fassung des Beitrags hieß es, auch das Geschäft "Sitas Moden" solle geschlossen werden. Diese Information ist falsch. Sie beruhte auf einem Missverständnis. Richtig ist: Das Modegeschäft zieht im März ins Nachbarhaus um.

Den Traum von einer modernen Einkaufsmeile hat der Bürgermeister längst abgehakt. „Das bedeutet nicht, dass wir in der Schmollecke sitzen. Wir arbeiten an dem Thema weiter, insbesondere in Jügesheim.“ Die Stadt strebe jetzt aber keinen Einkaufsstandort für ganz Rodgau an, sondern einen Nahversorger für die Ortsmitte. Erst am Montag habe er wieder mit Grundstückseigentümern gesprochen: „Wir kämpfen um jeden Meter auf der Seite des Feuerwehrgrundstücks.“ Die Wirtschaftsförderung habe auch die Zukunft des Fachmarktzentrums in Dudenhofen im Blick, betont Jürgen Hoffmann. Eine Stadt mit 45.000 Einwohnern sei ein attraktiver Markt für den stationären Einzelhandel: „Wir warten nicht auf Chancen, sondern wir sind aktiv dabei, sie zu entwickeln.“

Dass Veränderungen trotz anfänglicher Bedenken auch in Rodgau gelingen können, beschreibt Erster Stadtrat Michael Schüßler (FDP) an zwei Beispielen aus der Bildung. Nach der Konzentration der städtischen Büchereien auf zwei Standorte habe sich die Nutzerzahl innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Das Familienzentrum am Alten Weg habe sich mit einer Vielfalt an Veranstaltungen zum Erfolgsmodell entwickelt: „Wir sind froh, dass wir es gemacht haben.“

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