Spaziergang mit Naturschützer Josef Lach

Im Stadtwald steckt Vielfalt

Jügesheim - Der Wald steckt voller Überraschungen. Einen Eindruck davon vermittelte Josef Lach vom Naturschutzbund am Samstag bei einem Naturspaziergang im Sommerprogramm der Rodgauer Grünen. Von Ekkehard Wolf 

Er attestierte der Stadt sichtbare Fortschritte im Bemühen um den Erhalt der Artenvielfalt. Es gebe aber noch viel zu tun.

„Weiß jemand, was das ist?“ Josef Lach fragt wie ein Lehrer. Das war er die längste Zeit seines Berufslebens, bevor er als Landrat in die Politik ging. Auch mit fast 79 Jahren kommt der Pädagoge in ihm durch: einer, der nicht nur belehrend den Zeigefinger heben kann, sondern der auch selbst ein Leben lang dazulernt.

Am Tümpel zwischen der Waldfreizeitanlage Jügesheim und dem Wasserwerk erklärt er die Eigenschaften einer Wasserpflanze, die Krebsschere oder Wasseraloe heißt. „Den Namen wusste ich bis vor zwei Tagen auch nicht“, gibt er zu. Jetzt zeigt er sich gut vorbereitet und erzählt, wie wichtig die Krebsschere für eine bestimmte Libellenart ist: Die blau-grüne Mosaikjungfer legt ihre Eier ausschließlich auf diesen Pflanzen ab.

Die ökologischen Zusammenhänge sind ihm wichtig. Josef Lach ruft dazu auf, „nicht jede Pflanze, die wir nicht mögen, zu beseitigen“. Brennnesseln zum Beispiel seien der Lebensraum für Schmetterlinge wie Tagpfauenauge, Admiral und Landkärtchen. Die Botschaft ist klar: Wenn die Brennnessel stirbt, sterben die Schmetterlinge auch. Ähnliches gilt übrigens für Disteln.

Ein Spaziergang von nur zwei Kilometern zeigt eine Vielzahl von Lebensräumen. An einer Stelle ist trockener Sandboden und ein paar Schritte weiter ein Feuchtgebiet. Josef Lach hat dafür eine einfache Erklärung: Der Boden besteht aus Flugsand mit einigen Tonlinsen, auf denen das Wasser stehen bleibt. „Von den geologischen Voraussetzungen her müssten wir hier Buchenwald haben“, sagt er. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei aber aus wirtschaftlichen Erwägungen mit Kiefern aufgeforstet worden. Vor zwei, drei Jahrzehnten habe ein Umdenken eingesetzt: Die Forstwirtschaft sei dabei, die Monokultur in einen Mischwald umzubauen.

Als Naturschützer begrüßt Lach diese Entwicklung. Er wirbt in der Bevölkerung dafür, dass auch Totholz liegen bleiben darf. Ein „aufgeräumter“ Wald schmeichele vielleicht dem bürgerlichen Ordnungssinn, schade aber der Artenvielfalt.

Vorbei an einem Auenwald, der vor einem Vierteljahr noch unter Wasser stand, führt der Weg an einem Graben in Richtung Weichsee. Rechts befindet sich ein alter Buchenbestand. Die Bäume sind mehr als 100 Jahre alt. „Schauen Sie mal nach oben“, empfiehlt Josef Lach. Weit über dem Boden weisen einige Stämme Löcher auf. Es handelt sich um Spechthöhlen, die aber auch von anderen Tieren wie Waldkauz und Eichhörnchen genutzt werden.

Dass in der Natur alles mit allem zusammenhängt, erklärt der Naturschützer am Beispiel zweier eingewanderter Pflanzenarten, sogenannter Neophyten. Während die Amerikanische Traubenkirsche einheimische Arten verdrängt, fügt sich das Drüsige Springkraut in die vorhandene Natur ein. „Ich kenne keine wissenschaftliche Arbeit, dass es eine Art verdrängt“, sagt Lach. Das rosa blühende Springkraut müsse also nicht bekämpft werden: „Das Ökosystem wird sich neu einregulieren.“ Ein Indiz dafür: An den Pflanzen tummelten sich unzählige Insekten.

Streuobstwiesen bieten vielen Pflanzen- und Tierarten einen Lebensraum, wie hier am Waldrand westlich von Jügesheim.

Als die Gruppe aus dem Wald tritt, deutet Josef Lach auf ein Maisfeld: „Eine Agrarwüste – da wächst nichts außer Mais.“ Umso wichtiger sei es, die Artenvielfalt auf den Randstreifen der Felder und Wege zu erhalten. „Die Stadt hat da schon viel gelernt“, sagt er anerkennend. Lobend erwähnt er auch, dass die Stadt Grundstücke für Ausgleichsmaßnahmen erwirbt. Sein Appell an die Kommunalpolitik: „Wenn ihr etwas beschließt, dann beschließt auch die Pflegemaßnahmen dazu.“ Damit wendet er sich auch an seine eigene Partei, die SPD: „Ich bin zwar Sozialdemokrat, aber jetzt bin ich Lobbyist der Natur.“

„Schönheiten der Natur in Rodgau“ zeigt ein Buch mit 290 Fotos, das der Naturschutzbund Rodgau im Juni veröffentlicht hat. 200 der 500 Exemplare sind bereits verkauft. Aus der abgebildeten Vielfalt dürfe man nicht den Schluss ziehen, in Rodgau sei doch alles in Ordnung, mahnt Josef Lach: „Es ist bei Weitem nicht alles in Ordnung. Wir müssen das, was wir noch haben, schützen und erhalten.“

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