Rodgauer Wirte finanziell am Limit

Die privaten Reserven auch des Handels schmelzen dahin

Markus Werner, Patrick O’Sullivan und Jürgen Herr kämpfen gegen die Pandemiefolgen.
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Markus Werner, Patrick O’Sullivan und Jürgen Herr kämpfen gegen die Pandemiefolgen.

„Das Eis wird dünn.“ Gastronom Markus Werner bringt auf den Punkt, was seine ganze Branche fürchtet. Gastwirten (und auch dem Handel) geht im Lockdown langsam die Luft aus. Finanzielle Reserven schmelzen dahin. Und bis Mittwoch hatten Werner und seine Kollegen – bis auf Abschlagszahlungen – von der Novemberhilfe 2020, die 75 Prozent der Umsatzausfälle decken sollte, nichts gesehen. Der Inhaber des Nieder-Röder Bahnhofsbistros „Mauds“ fühlt sich langsam „wie ein Angestellter des Staats“, weil er „nicht mehr selbstständig handeln kann“. Vielmehr sei er ein Spielball der Krise.

Rodgau - Abgesehen von den finanziellen Nöten plagen Gastronomen viele Alltagssorgen. Zum Beispiel ist der Spagat zwischen einem möglichst leeren Kühllager (damit nichts verkommt) und einem dennoch ansprechenden Angebot in Liefer- oder Abholservice kaum zu packen.

Küchenmeister Jürgen Herr etwa, seit acht Jahren Chef im Jügesheimer „Journal“, bekommt nun statt zweimal die Woche je eine große Lieferung lieber vier kleine. Trotzdem hat er bereits fässerweise Bier und containerweise Softgetränke vernichtet, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hatten.

Nicht nur die Vorratshaltung, auch die Warenbestellung ist ein Problem. Denn selbst beim Großhändler des Vertrauens stockt der Umsatz. Mit der Folge, dass nicht alle Produkte vorrätig sind. „Das beginnt bei ganz banalen Lebensmitteln wie Quark und Ziegenkäse und hört bei Gemüsefrikadellen für Veganer noch lange nicht auf“, bedauert der 52-Jährige die Entwicklung. „Man kann im Alltagsgeschäft kaum noch kalkulieren.“ Das bestätigt Markus Werner: „Es gibt Tage, da läuft der Abholservice gut. An anderen rufe ich mich selbst an, weil ich denke, das Telefon ist kaputt.“

Mangelware ist bei Jürgen Herr inzwischen auch nachhaltiges und klimaneutrales Verpackungsmaterial für den Lieferservice. „Das müssen wir jetzt in Österreich bestellen oder vier bis sechs Wochen Lieferzeit hinnehmen.“

Wie seine Kollegen auch, muss der „Journal“-Betreiber bei seinen Küchengeräten mittlerweile Stand-Schäden hinnehmen. „Maschinen, die nicht laufen, gehen zwangsläufig kaputt. Ein Geschirrspüler und eine Eiswürfelmaschine haben bei mir schon den Geist aufgegeben.“

Jürgen Herr an seiner neuen Spülmaschine.

Ein Ritt auf der Rasierklinge ist auch das Thema Ausbildung. Jürgen Herr beschäftigt zwar eine Auszubildende im Service. „Wie soll man aber gescheit ausbilden, wenn keine Kunden kommen dürfen und die junge Frau nur ganz wenig Schule hat?“

Ähnliche Probleme plagen Gastwirt Patrick O’Sullivan (71). Der Inhaber des „Sowiso“ (seit 1990) lobt den Staat zwar für die ganzen Hilfspakete. „Nur kommt das Geld für manche vielleicht zu spät. Jeder von uns hat hohe Kosten, die weiterlaufen. Und wir können nicht von Luft und Liebe leben.“

O’ Sullivan befürchtet eine weitere Verschlechterung der Lage, sofern der Lockdown zum Beispiel bis März verlängert wird. Große Hoffnungen setzt der gelernte Koch mit Fünf-Sterne-Ausbildung auf die nun angelaufenen Impfkampagnen. „Das könnte uns alle retten.“ (Von Bernhard Pelka)

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