Wenn der Griff zu Pulle oder Pille eine Sucht wird

Rödermark: Alleine schafft‘s niemand

Mit den Coronazahlen steigt die Suchtgefahr. Nicht nur in Deutschland befürchten Experten, dass mehr Menschen zur Pulle oder zu Pillen greifen.
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Rödermark: Mit den Corona-Zahlen steigt die Suchtgefahr. Nicht nur in Deutschland befürchten Experten, dass mehr Menschen zur Pulle oder zu Pillen greifen.

Corona treibt die Suchtgefahr in die Höhe. Die Alltagsdrogenberatung Rödermark hilft vor allem Menschen mit Alkohol- oder Tablettenproblemen. Im Lockdown fehlte der persönliche Kontakt zu Gefährdeten. Das kann sich jetzt rächen.

Rödermark – Endlich wieder offen ist die Alltagsdrogenberatung Rödermark in der Heitkämperstraße 11. Gerade in diesen schwierigen Pandemie-Monaten, wo für viele Menschen geregelte Strukturen und helfende Gespräche wegfallen, ist die Suchtgefahr groß. Besonders durch Alkohol und Medikamente.

Für eben diese Situation sind die Mitarbeiter da, ebenso wie die Treffen der Selbsthilfegruppen in dem Backsteinbau mitten in Ober-Roden. Doch wegen Corona war die Einrichtung von März bis Juli letzten Jahres komplett geschlossen, außerdem musste das Klientel seit Ende November auf persönliche Kontakte verzichten.

Zumindest aber waren die Rödermärker Alltagsdrogenberater ständig erreichbar. Die Vorsitzenden Monika Gather und Marie-Luise Braun konnten die gesamte Zeit auf ihr fünfköpfiges Team zurückgreifen. Nun haben sie ein strenges Hygienekonzept beim Ordnungsamt angemeldet, damit die Einrichtung für einzelne Gespräche und Gruppen bis sechs Personen wieder geöffnet werden konnte.

„Wenn ein Klient nicht bereit zur Impfung ist, braucht er jedes Mal einen frischen Test – nicht zuletzt auch zum Eigenschutz der Mitarbeiter, die fast durchwegs über 60 Jahre alt sind“, erläutert Monika Gather die Schutzmaßnahmen.

Vor Corona kamen 15 und mehr Klienten recht regelmäßig ins Haus. Während der reinen Telefon-Hilfe wurden Akutfälle zum Suchthilfezentrum „Wildhof“ weitergeleitet. Nun, nach der Wiedereröffnung in Ober-Roden, kommen einige noch nicht wieder zurück. Das ist derzeit überall das gleiche Problem, wie Marie-Luise Braun bei einem Treffen verschiedener professioneller und ehrenamtlicher Einrichtungen in der „Sucht-AG“ erfuhr. Alle Einrichtungen haben dieselben Probleme: Suchtgefährdete blieben in der langen Phase ohne Direktkontakte weg und sind auch jetzt nicht wiederkommen.

Wer zur Selbsthilfegruppen „Sucht“ kommt, hat überwiegend Probleme mit Alkohol oder Medikamenten. Kommen andere Drogen ins Spiel, wird notfalls der „Wildhof“ eingeschaltet. Die Treffen werden mit klaren Datenschutzauflagen über Anwesenheitslisten erfasst. So wird es professionellen Helfern auch möglich, die Teilnahmen zu kontrollieren, falls ein Klient dies als Auflage seines Hilfeprogrammes bekommen hat.

Die meisten kommen aber von sich aus. Freiwillig – das ist die Grundvoraussetzung für ein hilfreiches Miteinander. Menschen mit Alkohol- oder Tablettenproblemen schätzen die Möglichkeit, hier offen zu reden und zu wissen, dass alles in diesen Wänden bleibt und nichts nach außen getragen wird. Wer sich selbst nicht daran hält, fliegt raus.

Neben den Gruppenstunden bestehen in der Einrichtung auch viele weitere Möglichkeiten. So werden in der Werkstatt Räder und Kinderfahrzeuge wieder aufgerüstet und der Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt. Auch zwei Klienten mit Gitarre und gesanglichen Fähigkeiten üben hier – derzeit intensiv fürs Sommerfest. Am 28. August ab 15 Uhr ist das Tor geöffnet, natürlich auch alle Angehörigen, und die Helfer laden dann zu Essen, Trinken, Musik und vor allem vielen Gesprächen ein. „Das Fest ist sehr wichtig für alle hier. Der Kontakt und auch die Zusammengehörigkeit müssen wieder vertieft werden“, sagt Monika Gather.

Solche alkoholfreien Feste werden seit mindestens 15 Jahren regelmäßig gefeiert, erinnern sich Marie-Luise Braun und Monika Gather, die ihre Kraft schon seit über 30 beziehungsweise 28 Jahren für die Alltagsdrogen-Beratung einsetzen. „Die Mischung macht’s“, freuen sich die Beiden über ihre unterschiedlichen Begabungen und die ihrer Teammitglieder. „Wir kennen uns genau und können uns aufeinander verlassen.“

Ehe die Treffen nun wieder losgingen, haben sich die Mitarbeiter vorbereitet. Der im Haus bekannte Supervisor kommt drei- bis viermal im Jahr nach Ober-Roden; dazu kommen zwei bis drei Teamsitzungen aller Mitarbeiter.

Kontakt und Termine bekommen Ratsuchende und ihre Angehörigen telefonisch oder über SMS. What’s App ist aus Datenschutzgründen ausgeschlossen. Geworben wird im Selbsthilfe-Ratgeber Kreis Offenbach, mit Flyern und natürlich auf der eigenen Homepage. Noch nicht wieder angelaufen sind – auch bei anderen Hilfseinrichtungen – die regelmäßigen Besuche in der Asklepios-Klinik.

Das Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe gibt Halt. Monika Gather: „Mit ‚Ich schaffe das allein‘ kommt nämlich niemand durch. Aber wir können nur einladen; kommen müssen die Betroffenen von selbst, ebenso müssen sie sich Plätze etwa für Therapien selber suchen.“ Und Marie-Luise Braun ergänzt: „Corona hat das Einsamkeitsgefühl verstärkt; ohne Gespräche im geschützten Raum geht es nicht. Die meisten hatten ihre Struktur durch die Treffen, die sie nun verloren haben.“

Kontakt: Derzeit finden die wöchentlichen Treffen der Selbsthilfegruppentreffen montags und mittwochs von 19 bis 21 Uhr statt, aufgrund der personellen Beschränkungen derzeit meist noch ohne Angehörige. Freitags trifft sich vierzehntägig ebenfalls um 19 Uhr die Frauengruppe, zu der auch Angehörige kommen können. Telefon 06074 96725 oder 0178 8317055, E-Mail adbs-roedermark@gmx.de, Homepage: alltagsdrogenberatung-roedermark.de (Christine Ziesecke)

Rödermark: Helfer in Sucht-Nöten sind die Vorsitzenden der Alltagsdrogen-Beratungsstelle in der Heitkämperstraße: Monika Gather (links) und Marie-Luise Braun.

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