Ortskernführungen an der langen Leine

Rödermark: Am Seil von Original zu Original

Alle an die Leine: Vorm Marktplatzbrunnen sammelte sich die Seilschaft, die sich unter der Leitung des Hobby-Ortskernführers Reinhard Berker (links) auf den Spuren Ober-Röder Originale bewegte.
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Rödermark: Alle an die Leine: Vorm Marktplatzbrunnen sammelte sich die Seilschaft, die sich unter der Leitung des Hobby-Ortskernführers Reinhard Berker (links) auf den Spuren Ober-Röder Originale bewegte.

Eine gute Seilschaft ist im Hochgebirge die Lebensversicherung. Im flachen Ober-Roden ist sie eine originelle Form der Ortskernführung. Reinhard Berker lässt seine Zuhörer an der langen Leine durch die Straßen von Rödermark spazieren.

Rödermark – Die Seilschaften, die sich während des ersten Corona-Sommers auf hygienegerechtem Abstand an langer Leine durch Ober-Roden und Umgebung zogen, waren schon etwas Besonderes. Auch diesmal schauten Autofahrer irritiert aus dem Fenster, als eine lange Kolonne sich mit gut einem Meter Abstand erst einmal rund um den Marktbrunnen am Seil „einlief“, um dann unter der bewährten Leitung von Reinhard Berker durch den Ortskern zu ziehen.

Stationen gab"s diesmal an erwähnenswerten Punkten, wo Ober-Röder Originale gelebt oder gewirkt hatten – nicht unter geschichtlichem Aspekt, sondern doch eher aus der Sicht besonders humorvoller oder kurioser Anekdoten. Berker erzählte Geschichten etwa vom „Kutscher-Philipp“, der so herzzerreißend Mundharmonika spielen konnte und als Hilfsarbeiter bei Bau-Hunkel arbeitete, wo er den Speis anrührte und mit dem schweren „Vogel“ auf der Schulter alle unbeliebten Außenarbeiten erledigte. Weshalb auch der Firmenchef nach seinem Tod noch die Grabpflege übernahm.

Ein ganz anderes Kaliber war das „Deibsche“ Helmut Gerlach, der irgendwann entlassen wurde, und nach der Namensänderung seines Ex-Arbeitgebers von der KG zur OHG großspurig sagte: „Des hätt es jetzt ja nicht gebraucht, das abzuändern in ‚Gotta ohne Helmut Gerlach‘!“. Der Spitzname rührte übrigens daher, dass sein Großvater Brieftauben züchtete und es jeden Sonntag Taubenbraten zu essen gab.

Einen Halt machte Berker auch am Haus des vor knapp drei Jahren gestorbenen Luftgitarrenhelden „Joe“ Sieber in der Glockengasse. Und eh‘ schon in Kirchennähe auf der „Mainzer Seite“ des Ortes angekommen, wusste der an Informationen überfließende Ortsführer auch vom listigen Verkauf der zweiten Grasmahd, des Grummets, durch die Ober-Röder Bauern an Frankfurter Käufer: Sie lieferten in verschiedenen Leiterwagen, um mit dem Geruch des „guten“, frischen Heus den des weniger kräftigen Grummets darunter zu überdecken. Ihre Entschuldigung: „Der Herrgott sieht zwar alles, aber er verrät uns nicht!“

Eine besondere u Überraschung bei der kleinen Tour: Als die Seilschaft ein liebevoll renoviertes Haus in der Dockendorffstraße durch den hohen Zaun beäugte und Reinhard Berker manches dazu erzählte, öffnete sich das Hoftor. Besitzer Wolfgang Kurzschenkel hatte von innen mitgehört und lud die ganze Gruppe ein: „Ihr könnt euch das ruhig auch aus der Nähe anschauen!“ Weit über 20 Seilschaftler genossen die facettenreiche Innenansicht des Grundstücks und auch die steile Treppe, die in dem geteilten Haus direkt von der Tür aus fast senkrecht nach oben führte.

Dass der Ortskernrundgang auf den Spuren Originale am „Dinjerhof“ endete, war sicher kein Zufall – hier warteten schon kühle Getränke und warme Brezeln auf die Seilschaft und machten Lust auf den ersten Weinabend am 13. August im Hof, mit dem die trost- und weinlose Corona-Zeit erst einmal beendet wird. Und dem mit Anekdoten prall gefüllten Hobby-Historiker Reinhard Berker wurde wieder einmal dringend nahegelegt, all diese Geschichten in einem oder mehreren Büchern niederzuschreiben, ehe sie irgendwann vergessen werden. (Christine Ziesecke)

Rödermark: Hausbesitzer Wolfgang Kurzschenkel lud spontan die ganze Seilschaft ein.

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