Rodau-Lehrpfad

„Die Bäsch“ hat viele Gesichter

Alle Hände voll zu tun hatten Feuerwehr, Bauhof und andere Helfer beim Rodau-Hochwasser 1975 in Ober-Roden. 
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Alle Hände voll zu tun hatten Feuerwehr, Bauhof und andere Helfer beim Rodau-Hochwasser 1975 in Ober-Roden. 

Der Hesse sagt nicht der Bach, sondern die Bach. Und der Urberacher macht daraus „die Bäsch“. Dr. Rüdiger Werner vom Naturschutzbund erläuterte am Rodau-Lehrpfad 600 Jahre Geschichte und die begonnene Rückkehr ins alte Bett.

Rödermark – Dass die gemauerte Rodau-Quelle hinterm „Jochert“ nicht die Quelle der Rodau ist, gilt inzwischen als Binsenweisheit, die fast jedes Kind kennt. Aber viele wissen nicht, in wie vielen Armen sie einst durch Urberach floss oder wie oft sie Ober-Roden überflutete. Der Rodau-Lehrpfad informiert über rund 600 Jahre Leben und Arbeiten am Bach. Oder „an de Bäsch“, wie die Urberacher sagen. Denn im hessischen Süden sind Flüsslein weiblichen Geschlechts.

Das Interesse „an de Bäsch“ ist groß. 20 Neugierige – coronagerecht angemeldet und namentlich erfasst – wanderten mit Dr. Rüdiger Werner, dem Vorsitzenden des Naturschutzbundes (Nabu) Rödermark, den im Frühjahr angelegten Rodau-Lehrpfad entlang. Fast doppelt so hätten’s gerne getan; eine zweite Exkursion ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Die erste von 29 Bildtafeln steht an der 1980 amtlich definierten Quelle am Sperberweg. Von da führt die Rodau – mit Ausnahme des Rekordsommers 2018 – ständig Wasser. An dieser Stelle treffen etliche Gräben zusammen, die Wasser aus dem Gebiet zwischen Umspannwerk und Kallemannsberg aufnehmen. Interessant für die Spaziergänger: Werner erläuterte ihnen den Unterschied zwischen einem Graben und einer Bodenvertiefung, die beide oft trocken sind. Nur wo nach starkem Regen Wasser fließt, ist eine Rinne auch ein Graben und damit Zulieferer der Rodau-Quelle.

Danach dauert’s eine ganze Weile, bis der Rodau-Lehrpfad wieder an die Rodau führt. Das liegt an den Mühlen, die seit dem Mittelalter im Urberacher Bruch gebaut wurden. Damit ihre Mühlräder ständig vom Wasser angetrieben werden konnten, wurde der Bachlauf umgeleitet. Der Mühlbach führte immer Wasser, die eigentliche Rodau fiel trocken.

Namen wie Bruchwiesenstraße, Im Urbruch, An der Obermühle oder Im Brückengarten zeigen, dass das Wohngebiet bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine Sumpflandschaft war.

Was es mit dem Straßennamen „An der Bleiche“ auf sich hat, erklärte eine Teilnehmerin: „Meine Oma hatte hier einen Garten. Bis in die Fünfzigerjahre lag hier noch die Wäsche auf der Wiese und bleichte in der Sonne.“

Die Elektrifizierung der Obermühle leitete das Ende des Mühlbachs ein. Die Müller-Familie Malsi gehörte zu den Reichen ihrer Zunft und betrieb ihr Mahlwerk schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit Strom. Der Mühlbach wurde 1957 und 1958 in Rohre gezwängt, damit oben gebaut werden konnte.

Da galt wohl die Devise Tempo vor Sorgfalt. Jedenfalls schrieb Norbert Cobabus vom Heimat- und Geschichtsverein in seinem 2010 erschienen Buch „Mühlen an der oberen Rodau“: „1994 musste der Schwarzbach wegen zuvor gemachter Fehler neu verrohrt werden. Jetzt wurde ein großer unterirdischer Entwässerungskanal geschaffen, der schon während des Baus den Namen „Canale Grande“ erhielt.“

Rüdiger Werner führte seine Gruppe zu dessen Mündung am Entenweiher und von dort weiter durch die „Grüne Mitte“, wo die Rodau seit 2009 auf einigen hundert Metern wieder so fließen darf, wie sie es noch vor 80 oder 90 Jahren getan hat. Die Begradigung, die seinerzeit ein Zeichen des Fortschritts war, wurde für 370 000 Euro rückgängig gemacht.

Renaturiert wurde die Rodau auch am ehemaligen Ober-Röder Festplatz. Dagegen wird der Bach am Rathaus das Tageslicht wohl nicht mehr erblicken. Ihn auch dort „sichtbar zu machen“, war ein nie umgesetzter Vorschlag aus der Diskussion ums Rödermark-Leitbild.

Der Rodau-Lehrpfad endet aber naturnah. Die letzte Infotafel steht kurz vor der Kläranlage. Von da sind’s nur noch ein paar Schritte, und man hat das Storchennest im Blick, in dem nun schon das dritte Jahr hintereinander Meister Adebar und seine Frau Junge großziehen.

VON MICHAEL LÖW

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