Bahnunterführung

„Tunnel macht nur Autos schnell“

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Trennendes oder verbindendes Element? An einer Bahnunterführung mitten in Ober-Roden scheiden sich die Geister. In Jügesheim ist sie seit gut 20 Jahren zu Beton und Stahl gewordene Realität. 

Macht eine Bahnunterführung den Staus in Ober-Roden ein Ende? Ein Bundesgesetz zum Abbau beschrankter Übergänge befeuert eine alte Diskussion aufs Neue. Und führt zu unerwarteten Argumentations-Partnerschaften im Parlament.

Ober-Roden – Unterschiedlicher hätte das Trio, das am Dienstagabend im Stadtparlament für den Bau einer Bahnunterführung in der Dieburger Straße plädierte, nicht sein können. SPD, Freie Wähler und Bürgermeister Jörg Rotter halten sie für die Lösung der Verkehrsprobleme. Andere Liste und FDP lehnen eine Betonwanne mitten im Ort ab. Und Rotters Partei, die CDU, vermeidet jede Festlegung.

Wenn die S 1 im 15-Minuten-Takt fährt, bleiben die Schranken 26 Minuten pro Stunde unten – sofern alles planmäßig läuft. Bei Störungen sind’s auch mal 20 Minuten am Stück. Die Staus gehen täglich rund 3 400 Fußgängern, Radlern, Buspassagieren und Autofahrern sowie den Anwohnern auf die Nerven. Die SPD hatte deshalb Anfang des Jahres eine Unterführung gefordert. Bürgermeister Rotter war am 7. November auf Distanz zu einem Stadtverordnetenbeschluss aus den Neunzigern gegangen: Damals hatten die meisten CDU-Parlamentarier und die AL gegen eine Unterführung gestimmt.

SPD und FWR sahen daraufhin eine neue Chance und formulierten einen gemeinsamen Antrag. Der Magistrat soll dem Parlament das Konzept einer Unterführung zur Entscheidung vorlegen. Voraussetzung: Das Projekt ist ohne Riesensummen aus der Stadtkasse zu bezahlen.

Nach Ansicht des SPD-Fraktionsvorsitzenden Norbert Schultheis blockieren ständig geschlossene Schranken nicht nur den Verkehr, sondern auch die Entwicklung Ober-Rodens. Die Stadt brauche ein schlüssiges Konzept für eine Unterführung. Nur dann könne sie reagieren, wenn"s bessere Finanzierungsmöglichkeiten gibt.

Das Bundesverkehrsministerium hat ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die Kommunen beim Rückbau schienengleicher Übergänge entlasten soll. Statt der bisherigen Kostendrittelung zahlt der Bund künftig die Hälfte, die Bahn weiter ein Drittel und das Land ein Sechstel. Dann bliebe für Rödermark ebenfalls nur ein Sechstel.

Eine so finanzierte Unterführung ist, so Schultheis, das beste Mittel gegen Staus, Lärm und Abgasmief. Die mehrere hunderttausend Euro teure Optimierung der Signal- und Schrankentechnik, die die Schließzeiten um ein paar Sekunden verkürze, reicht der SPD jedenfalls nicht.

Stefan Gerl, der Vorsitzende der AL-Fraktion, ist wie schon 1995 vehement gegen eine Unterführung. Sie zerschneide Ober-Roden jetzt noch stärker als damals, denn die Rampen werden flacher und damit länger. Gerl schätzt die Kosten auf bis zu 20 Millionen Euro. Diese Summen würden jedenfalls für Unterführungen bei der neuen nordmainischen S-Bahn einkalkuliert. Gerls Hauptargument geht in eine andere Richtung: Millionen vom Bund für einen Tunnel zerstören alle Bemühungen, Ober-Roden mit Millionensummen aus dem Landesprogramm „Stadtumbau“ lebenswerter zu machen.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Tobias Kruger war sich am Dienstagabend ausnahmsweise mit Stefan Gerl einig. Eine Auto-Unterführung mache die Bahn keine Sekunde schneller. Doch genau das sei ja das Ziel des „Bundesgesetzes, das durch die Lande wabert“. Das von der SPD geforderte Konzept koste die Stadt wahrscheinlich 70 000 Euro und bringe ihr „digital nur das, was sie schon 1994 auf Papier bekam“. Dieses Geld ist seiner Meinung nach besser in Pendlerparkplätzen angelegt.

CDU-Sprecher Michael Spieß argumentierte als Feuerwehrmann für und als Ober-Röder gegen eine Unterführung. Wobei Letzteres überwog: „Pläne aus den vergangenen Jahrzehnten müssen in der Schublade bleiben!“ Die Verbesserung der Schrankentechnik müsse gleichberechtigt mit dem Bau einer großen Unterführung oder eines Radler-Schlupfs, mehr Verkehrsberuhigung in Ober-Roden oder dem Ausbau des Rödermarkrings geprüft werden.

Bürgermeister Rotter meldete sich nach allen Fraktionsrednern zu Wort: „Es ist meine Pflicht, neue Erkenntnisse zu prüfen.“ Dazu gehören sichere Schulwege, schnelle Durchfahrmöglichkeiten für die Feuerwehr und die frustrierende Gewissheit, dass der Rödermarkring chronisch verstopft ist und Autos sowieso durch Ober-Roden fahren. Seine Schlussfolgerung: Erst einmal das Anti-Schranken-Gesetz des Bundes abwarten. Und dann alle Möglichkeiten für Rödermark „ergebnisoffen diskutieren“.

SPD-Mann Schultheis sah darin eine gewisse Offenheit für die Unterführung und zog den Antrag vorläufig zurück. Dem Parlament blieb eine spannende Abstimmung verwehrt.

VON MICHAEL LÖW

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