Als Reisen noch einfach war: Beeindruckt von starken Rücken

Rödermark: Werner Mühlings Himalaya-Trip

Auf steilen Himalaya-Pfaden staunte Werner Mühling immer wieder, was Menschen alles auf ihren Rücken packen und stundenlang durch die Berge schleppen.
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Auf steilen Himalaya-Pfaden staunte Werner Mühling immer wieder, was Menschen alles auf ihren Rücken packen und stundenlang durch die Berge schleppen.

Testpflicht und Quarantäne-Angst sind nun schon eineinhalb Jahre die größten Hindernisse auf dem Weg zu den interessantesten Urlaubszielen. Mittlerweile neigt man ja zum Sarkasmus und sagt im Tonfall unserer Großeltern „Früher!“, wenn man an Reisen denkt, bei denen der Weg die größte Herausforderung war. Werner Mühling aus Rödermark-Urberach gönnte sich 2014 einen abenteuerlichen Urlaub im höchsten Gebirge der Welt. Dort sind die Wege oft nur steile Pfade, die sich an Abhängen entlang schlängeln.

Rödermark - Zum 60. Geburtstag darf es etwas Besonderes sein, sagte sich der Urberacher Schreiner und brach mit seinem Kumpel Roland Reichenbach Richtung Himalaya auf. Erste Station war Katmandu, die Hauptstadt von Nepal. Ein Bekannter Reichenbachs hatte dort ein Reisebüro eröffnet und besorgte Führer und Träger. „Touristen, die einen einheimischen Guide haben, sind gute Touristen“, bekam Werner Mühling quasi zur Begrüßung zu hören und wunderte sich: Mit wem, wenn nicht mit einem Einheimischen, soll man ein fremdes Land erkunden? Im Himalaya ist es eine Unsitte, dass sich ausländische angebliche Auskenner als Führer anbieten und den Nepalesen das Geld wegnehmen.

Die beiden Urberacher jedenfalls starteten mit korrekter Reiseleitung ins 2 800 Meter hoch gelegene Lukla, dessen Flughafen als gefährlichster der Welt gilt. Selbst erfahrene Piloten haben Muffensausen, weil sie bei der Landung nicht für einen zweiten Anlauf durchstarten können: Entweder kommt die Maschine sicher auf die Bahn oder prallt gegen den Berg.

In Lukla begann die eigentliche Trekkingtour zum Basislager der Mount Everest-Expeditionen in 5 360 Metern Höhe. „Dort haben wie die letzten Räder gesehen“, ist Werner Mühling auch sieben Jahre später noch schwer beeindruckt. Denn jetzt waren Mulis, Yaks und Menschen die einzigen Transportmittel. Die kompliziertesten Teile tragen die Leute selbst: Sogar Wassertanks mit mehreren hundert Litern Fassungsvermögen werden – natürlich leer – auf menschlichen Rücken in die entlegensten Dörfer und Weiler geschleppt. Mühling hat ein eindrucksvolles Beweisfoto in seiner Diaschau.

Die nepalesischen Begleiter erklärten ihm auch, warum. Die Yaks, zottelige, starke und eigentlich trittsichere Hochlandrinder, kommen auf schmalen Pfaden mit langen oder voluminösen Gütern nicht klar. Kein Einheimischer würde seinem Yak ein Vier-Meter-Kantholz aufladen, denn diese Last würde das Tier spätestens nach der zweiten Kurve aus der Bahn werfen.

Das Everest-Basislager haben Mühling und Reichenbach übrigens nicht erreicht. Eine Lawine war in die Zeltstadt gerauscht und hatte 16 Bergführer und Träger vom Volk der Sherpa in den Tod gerissen. Nahezu jedes Dorf auf dem Weg hatte einen Toten zu beklagen, da war für die Urberacher klar: Wir kehren um, bei 5 170 Metern war Schluss.

Schluss war auch für die Expeditionen, die den höchsten Berg der Welt besteigen wollten. Denn die Sherpa bauten das ganze Lager ab, die Saison war vorbei.

Die Landschaft blieb trotzdem faszinierend. Eisige Gipfel über blühenden Rhododendron-Wäldern, reißende Flüsse mit schwankenden Hängebrücken, Tempel und Gebetsfahnen haben Werner Mühling und Roland Reichenbach sehr beeindruckt: „Aber noch beeindruckender als alle Achttausender war die Begegnung mit den Menschen.“ Angefangen von den besagten Trägern über Bäuerinnen, die 4 000 Meter über dem Meeresspiegel Kartoffeln ernteten, bis hin zu Handwerkern, die nur mit Hammer und Meißel Steine so exakt behauten, dass sie eine fugenlose Mauer bildeten. Frauen und Kinder sammelten Yakmist, mit dem auch Touristenunterkünfte geheizt wurden. Mühlings erstaunte Erkenntnis: „Das hat kein bisschen gestunken!“

Und noch etwas hat ihn verblüfft. Sogar in 5 000 Metern Höhe hingen in jeder Kneipe die Fahnen aller Teilnehmer der Champions-League. Die europäischen Spitzenfußballer haben auch auf dem Dach der Welt ihre Fans. (Michael Löw)

Rödermark: Der Urberacher Nepal-Reisende wollte ursprünglich zum Basislager, von dem Bergsteiger zum Mount Everest aufbrechen. Nach einem Lawinenunglück, bei dem 16 einheimische Führer starben, gab Mühling diesen Plan aber auf.

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