Bibliotheks-Leiterin Brigitte Stenske im Interview

Eine Technik, die man lernen muss

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Vorlesen ist aller Bildung Anfang - findet Bibliotheks-Leiterin Brigitte Stenske. Ab Februar wird im Bücherturm zweisprachig aus Bilderbüchern vorgelesen.

Rödermark - Das angebliche Volk der Denker und Dichter mutiert zu einem Volk von Lesemuffeln - orakeln Kulturpessimisten. Der Daumen taugt nur noch zum Wischen übers Smartphone, aber nicht mehr zum Umblättern von Büchern. Brigitte Stenske, die Leiterin der Stadtbücherei ist längst nicht so skeptisch. Von Michael Löw

Im Bücherturm wird demnächst zweisprachig vorgelesen. Hausherrin Brigitte Stenske will so auch Kinder aus Migrantenfamilien langfristig an die Bibliothek binden. Die Veranstaltungsreihe für Kinder ab vier Jahren hat am Montag, 5. Februar, um 16.30 Uhr Premiere. Ingrid Bögershausen übernimmt den deutschen Part, Tülay Kurzkaya den türkischen.

Bildungsforscher sagen ja immer: Mit dem Vorlesen kann man nicht früh genug anfangen. Wann ist Ihrer Ansicht nach der richtige Zeitpunkt?

Sobald sich Kinder für Bücher interessieren. Es gibt ja schon tolle Bilderbücher für Kleinkinder, sogenannte Pappbilderbücher oder Fühlbilderbücher. Die kann man sich mit dem Kind zusammen anschauen. Es ist erstaunlich, was bereits Zweijährige erkennen und einer kleinen Geschichte auch folgen können. Wenn man damit anfängt, werden die Kinder mit zunehmendem Alter automatisch nach längeren Geschichten und anderen Bilderbüchern verlangen.

Wird denn überhaupt noch vorgelesen?

An unserem Bilderbuchbestand, der sehr gut ausgeliehen wird, sehen wir, dass viele junge Eltern ihren Kindern vorlesen. Aber viele glauben, damit aufhören zu können, wenn die Kinder in die Schule kommen und selbst lesen können. Dabei ist erwiesen, dass auch für Grundschulkinder das Vorlesen und das gemeinsame Lesen noch sehr wichtig sind. Die Technik des Lesens muss eingeübt werden, es reicht eben nicht aus, wenn die Kinder das Alphabet können. Das Lesen in der Freizeit ist wichtig, um das Lesen zu trainieren. Hier hilft das gemeinsame Vorlesen als zusätzliche Motivation zum Weiterlesen. Außerdem sehen die Kinder so, dass den Eltern Bücher wichtig sind.

Ist Vorlesen also ein Privatvergnügen?

Lehrer in den weiterführenden Schulen beklagen, dass immer mehr Schüler nicht richtig sinnverstehend lesen können. Die Schüler beherrschen zwar die Lesetechnik, sind aber bei längeren Texten damit überfordert, den Inhalt zu verstehen.

Welche positiven Wirkungen hat Vorlesen auf Kinder?

Durch das Vorlesen tauchen Kinder in die Geschichte ein, die Fantasie wird angeregt. Lesen und auch das Vorlesen bedeutet ja, in neue fremde Welten einzutauchen. Es gibt sehr viele ausgesprochen witzige Bücher, die den Spaß am Lesen fördern. Aber auch Probleme oder Sorgen, die kleine Kinder haben, werden in Büchern dargestellt und gelöst. So erlebe ich es in Grundschulklassen, wenn es bei einer Geschichte um Freundschaft geht, die auch mal enttäuscht werden kann, wie die Kinder dann mitgehen. Vorlesen ist auch noch wichtig, wenn die Kinder schon selbst lesen, denn Vorlesezeit ist geschenkte Zeit: Die Zuwendung ist genauso wichtig wie die Geschichte.

Was tut die Stadtbücherei Rödermark alles, um die Leselust bei kleinen Kindern zu wecken?

Das Problem ist natürlich, dass Kinder heute in einer sehr medialen Umgebung aufwachsen. Da ist das Buch nur eines von vielen möglichen Medien und nicht immer ist es das interessanteste. Daher ist unser Hauptanliegen, die Eltern mit den Kindern in die Bücherei zu bekommen. Hier können sie ein breit gefächertes Angebot kennenlernen. Das Stöbern und Auswählen ist für Kinder nach wie vor das, was für sie hier am interessantesten ist.

Anfang Februar werden Sie ja international.

Durch unsere neue zweisprachige Vorlese-Reihe möchten wir Hemmschwellen abbauen. Wenn Mütter sehen, dass es Bilderbücher gibt, die sie in Deutsch oder in ihrer Muttersprache vorlesen können, dann fördert das auch die Zweisprachigkeit in der Familie. Denn erwiesenermaßen lernen die Kinder am besten Deutsch, die auch ihre Muttersprache gut beherrschen.

OP unterwegs auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Mit 13 oder 14 Jahren lesen Jugendliche Bücher nur noch für die Schule. Ist diese Altersgruppe für Sie verloren?

Zum Glück nicht alle, es gibt auch heute noch Leseratten unter Jugendlichen, die 600-seitige Fantasybücher am laufenden Band verschlingen. Aber richtig ist auch, der Anteil ist eher klein. Das war aber früher auch schon so. Wir versuchen, mit unserem digitalen Angebot wie der Hessen-Onleihe, den Munzinger-Datenbanken, dem digitalen Brockhaus oder dem E-Learning ältere Schüler und Jugendliche zu erreichen. Persönlich fände ich auch eine stärkere Präsenz der Stadtbücherei in den sozialen Netzwerken wichtig, aber das ist sehr zeitintensiv und muss regelmäßig gepflegt werden. Dafür haben wir leider keine personellen Kapazitäten frei.

Träumen Sie zum Schluss doch mal! Die Stadtbücherei 2025 …

…ist ein lebendiger Ort für Treffpunkt und Kommunikation, aber auch für Ruhe und Konzentration. Ein sozialer Ort, wo sich Menschen aus allen Altersgruppen und Schichten ohne Konsumzwang treffen können. Wo aber auch der Einzelne gerne hinkommt, weil er einen Platz findet, um in Ruhe zu arbeiten, zu lernen oder einfach nur zu schmökern. Die Bücherei als reine Ausleihstelle hat sich inzwischen überholt, dafür wird sie sogenannter „dritter Ort“ neben dem Zuhause, der Arbeit oder Schule immer wichtiger. Im letzten Jahr haben wir über 25 000 Besucher nur in der Bücherei in Ober-Roden gezählt. Die Veranstaltungsarbeit ist wichtig, um die Bibliothek als Treffpunkt für Alt und Jung zu präsentieren. Zum Glück werden wir da von unserem Freundeskreis „LeseZeichen“ sehr gut unterstützt. Ich denke, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die Stadtbücherei auch im Jahr 2025 ein beliebter Treffpunkt und gesellschaftlich wichtiger Ort sein wird.

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