Klaus Joachim Rink hat ein Gedenkbuch geschrieben

Rödermark: Buch würdigt lokalen Widerstand gegen Nazi-Regime

Unbequemer Mahner: Klaus-Joachim Rink hat dem Widerstand gegen die Nazis in Rödermark ein Buch gewidmet und fordert, die Erinnerungskultur in der Stadt mit einem Denkmal für jene 100 Männer und Frauen zu ergänzen, die diesen Mut mit Gefangenschaft oder ihrem Leben bezahlt haben.
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Unbequemer Mahner: Klaus-Joachim Rink hat dem Widerstand gegen die Nazis in Rödermark ein Buch gewidmet und fordert, die Erinnerungskultur in der Stadt mit einem Denkmal für jene 100 Männer und Frauen zu ergänzen, die diesen Mut mit Gefangenschaft oder ihrem Leben bezahlt haben.

Heute, am Holocaust-Tag, gedenkt die Welt der Befreiung des KZ Auschwitz. Am 27. Januar 1945 marschierte die Rote Armee in das Lager ein, in dem nur 7 000 Gefangene überlebt hatten. Klaus-Joachim Rink hatte voriges Jahr in Rödermark eine Ausstellung über Verfolgte des Nazi-Regimes organisiert. Zum Holocaust-Tag 2021 stellt er ein Buch über den lokalen Widerstand vor.

100 Menschen aus Ober-Roden und Urberach hatten zwischen 1933 und 1945 den nationalsozialistischen Machthabern die Stirn geboten. Viele kamen ins Gefängnis oder Konzentrationslager, manche in die berüchtigten Strafbataillone, die an der Ostfront verheizt wurden. Klaus-Joachim Rink, ein streitbarer Gewerkschafter und ambitionierter Hobby-Historiker, würdigt ihr Leben – und Sterben – in einem Buch.

Rinks Initiative ist es zu verdanken, dass eine Lücke in der Erforschung der Geschichte Rödermarks im sogenannten „Dritten Reich“ geschlossen werden kann, sagte Bürgermeister Jörg Rotter bei der Präsentation. Mit Unterstützung der Stadt hat der Enkel des von den Nazis verfolgten Urberacher SPD-Landtagsabgeordneten Aloys Georg Rink das Projekt auf den Weg gebracht. Unter dem Titel „Verfolgung und Repression während der NS-Gewaltherrschaft in Ober-Roden und Urberach. Widerstand in Rödermark 1933 bis 1945“ bündelt es Beiträge von Rink und anderen Autorinnen und Autoren. Die Texte sind schon verfasst. Wenn sie lektoriert sind, geht das Buch in den Druck. Erscheinen soll es im Sommer; wahrscheinlich am 21. Juni, dem 50. Todestag von Aloys Georg Rink.

Sein Enkel versteht sein Werk als Ergänzung der grundlegenden Dokumentation von Egon Schallmayer und Jörg Leuschner, „Ober-Roden und Urberach im Dritten Reich“. Die Bedeutung des mehr als 500 Seiten starken Buches aus dem Jahr 1998 hebt er in seinem Vorwort hervor. Es sei eine „umfassende Darstellung des örtlichen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Milieus“, das die NS-Zeit in den beiden Altorten von Rödermark prägte. Rink bedauert allerdings, dass Personen des Widerstands nur kurz im geschichtlichen Zusammenhang dargestellt worden seien und keine eigenen Kapitel erhielten.

Klaus Joachim Rink stellt rund 100 Menschen mit Bild und Kurzbeschreibung vor, die Widerstand geleistet haben. 80 sind im Schallmayer-Leuschner-Buch erwähnt. Dazu kommen 15 weitere Urberacher und Ober-Röder, deren Schicksale aus neu aufgetauchten Prozessakten rekonstruiert werden konnten. Manche Opfer der Nazis waren in der Öffentlichkeit bislang nicht bekannt – beispielsweise fünf Menschen, die im Rahmen des Programms zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, der sogenannten „Euthanasie“, in Hadamar vergast wurden. Rink fordert, weitere Stolpersteine im Ort zu verlegen.

Exemplarisch für die politischen Verhältnisse und Ereignisse stehen laut Rink die Schilderungen des Urberacher Kommunisten Martin Wolfenstädter, auf den auch Schallmayer und Leuschner eingehen. Er überlebte das berüchtigte Strafbataillon 999. Mit dem Abdruck von Wolfenstädters Erinnerungen werde sein Widerstand gegen das Nazi-Regime besonders gewürdigt.

Neben den Rödermärker Kapiteln enthält das „Gedenkbuch“ umfassende Informationen zum KZ Osthofen bei Worms, wo, so Rink, auch „gestandene und angesehene Männer aus unseren Gemeinden“ kurz nach der Machtergreifung der Nazis für vier bis sechs Wochen interniert wurden. „Sie sollten unter Kontrolle gebracht und diszipliniert werden, damit die neuen NS-Gemeinderäte schalten und walten konnten wie sie wollten“, erläutert Rink. Verfasst wurde dieses Kapitel von Angelika Arenz-Morch, der Leiterin der dortigen Gedenkstätte.

Ein weiterer Abschnitt widmet sich dem Arbeitslager Rollwald. Hier gab es viele Berührungspunkte mit den Nachbargemeinden. Die Häftlinge schufteten bei der T & N in Urberach. Das Wachpersonal ging am Wochenende in Ober-Röder Wirtschaften. Das war für viele alteingesessene „Rote“ eine Provokation; Schlägereien waren die Folge.

Bürgermeister Jörg Rotter dankt Klaus-Joachim Rink für sein Engagement: „Die Aufarbeitung der Geschichte des Widerstands von 100 Menschen aus Urberach und Ober-Roden ist ein wichtiger Beitrag in der Auseinandersetzung mit unserer deutschen Geschichte. Der Autor beschreibt den Mut und die Entschlossenheit von Männern und Frauen, die der Bedrohung durch das Regime trotzten und dies zum Teil mit ihrem Leben bezahlen mussten. Sie sind für uns und für die, die uns folgen, Mut machende und inspirierende Vorbilder. Sie zeigen uns, dass wir täglich eintreten müssen für Respekt und Toleranz und dass wir nicht schweigen dürfen, wenn uns Rassismus und Antisemitismus begegnen.“

Am Ende seines Vorworts hebt Rink noch einmal die Bedeutung der Demokraten und „Antinazis“ auch in Ober-Roden und Urberach hervor, die die Grundlage für unsere heutige Demokratie gelegt hätten. Dieser Menschen müsse in angemessener Weise gedacht werden. Deshalb fordert Rink, dass die „Gedenkkultur“ in Rödermark um ein „Widerstandsdenkmal“ ergänzt wird. (Michael Löw)

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