Baumkletterer setzen präzise Schnitte an

Rödermark: Chirurgie mit der Kettensäge

„Rund um den Baum“ hat Sebastian Idecke seine Firma genannt, die er vor 25 Jahren gegründet hat. Dabei sind seine Leute während der Arbeit nicht am, sondern fast immer mitten im Baum.
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Rödermark: „Rund um den Baum“ hat Sebastian Idecke seine Firma genannt, die er vor 25 Jahren gegründet hat. Dabei sind seine Leute während der Arbeit nicht am, sondern fast immer mitten im Baum.

Baumpfleger arbeiten oft in großer Höhe mit großer Präzision. Aber manchmal hilft nur ein radikaler Schnitt ganz knapp überm Boden. Sebastian Idecke aus Rödermark hat sich vor 25 Jahren in dieser Branche selbstständig gemacht.

Rödermark – In einer vergleichsweise jungen Branche ist Sebastian Idecke ein alter Hase. Vor 25 Jahren machte er sich als professioneller Baumpfleger selbstständig. Was in England schon seit Jahrzehnten ein eigenständiges Handwerk ist, etabliert sich in Deutschland erst nach und nach. Bisher übernahm meist der klassische Garten- und Landschaftsbauer die Baumpflege.

Sebastian Idecke gründete seine Firma „Rund um den Baum“ nach einer Gärtnerlehre. Berufsbegleitend begann er das Studium Landespflege und Naturschutz, 2001 schloss er es mit dem Dipl.-Ing. ab. Mit acht Männern im Baum und einer Frau im Büro zählt das Unternehmen nach seinen Angaben zu den drei größten im Kreis. Dieses Ziel hat Idecke nie angestrebt, es habe sich halt so ergeben. Eine neue Halle 2015 und ein größeres Büro 2020 sind die logische Konsequenz.

Und wie sieht ein typischer Arbeitstag aus? Der Chef, weitere Kletterer und Bodenmänner verstauen kurz nach acht Uhr Hand- und Motorsägen, Klettergurte, Helme, Seile, Leiter und etliches Werkzeug mehr in den Autos und fahren zur Heinrich-Böll-Schule nach Nieder-Roden. Kronenpflege heißt ihr Auftrag. Am Rand der Straße stehen Bäume, aus denen sein Team totes oder verrottetes Holz schneiden muss. Für die Stadt Rodgau kümmert sich Idecke um die Verkehrssicherungspflicht – niemand will schließlich, dass ein abgestorbener Ast auf Menschen oder parkende Autos stürzt. Solche Äste müssen nicht sonderlich dick sein. Bei entsprechender Fallhöhe entwickeln schon welche mit drei Zentimetern Durchmesser eine gefährliche Wucht.

Selbst bei Routinearbeiten wie in Nieder-Roden spricht Idecke mit seinen Leuten stets das Thema Sicherheit durch. Und auch ein erfahrener Kletterer schaut sich jeden Baum, den er besteigt, erst genau an, ob er überhaupt stabil genug steht.

Dann beginnt das, was diesen Beruf interessant macht. Mit einer dünnen Wurfschnur befördert Sebastian Idecke das dicke Kletterseil über eine Astgabel. „Einbauen“ heißen diese ersten Handgriffe, die die Arbeit sicher machen. Schritt Nummer zwei beschreibt er im twittergerechten Kurzdeutsch: „Klettergeschirr an, Helm auf, Motorsäge ein. Dann geht’s rauf!“ Wichtigstes Handwerkszeug ist eine nur drei Kilogramm leichte Akku-Motorsäge mit 30-Zentimeter-Schwert. Die kappt leise schnurrend auch dicke Äste, die meist durch die Krone zu Boden rauschen und gelegentlich abgeseilt werden müssen. Dann tut der Häcksler seine Arbeit.

Seinen bislang anspruchsvollsten Job erledigte Idecke auf dem Weiskircher Friedhof. Dort musste eine riesige Pappel Stück für Stück gefällt werden. Fünf Mann hatten zwei Tage zu tun. Allein für die Abfuhr der 33 Tonnen Stammholz waren drei große Container nötig.

Ganze Bäume zu Kleinholzmachen ist nicht einmal Sebastian Ideckes Lieblingsarbeit. Er mag’s viel lieber, wenn er mit chirurgischen Schnitten das kranke Gehölz aus alten Naturdenkmälern schneidet – zum Beispiel auf dem Neckermann-Hof im Westkreis. Bei den Erben des 1992 gestorbenen Weltklassereiters machte er diese Bäume verkehrssicher.

Naturschutz und Klimawandel gewinnen in Ideckes Arbeit immer mehr an Bedeutung. „Wir fällen kaum noch gesunde, sondern fast nur geschädigte oder abgestorbene Bäume“, macht er deutlich, wie Hitzesommer unseren Pflanzen zusetzen. Wann immer ein Sturm über die Region fegt, hat seine Firma mehr Arbeit, als ihr lieb ist. Damit die Baumpfleger den Anforderungen des Naturschutzes gerecht werden, müssen sie ab März immer ganz genau hinschauen, ob und welche Vögel im Geäst brüten. Krähennester, die jedes Jahr neu besiedelt werden, dürfen zum Beispiel nicht beseitigt werden.

Außerdem lassen Sebastian Idecke und seine Männer immer häufiger Käferbäume stehen: Bei Fällungen setzen sie die Säge nicht unmittelbar über dem Boden, sondern in zwei, drei Metern Höhe an. Dieser Stummel darf langsam zu Totholz verrotten, in dem Larven aufwachsen. Die futtern sich manchmal über mehrere Jahre durchs Holz, während die Käfer, die aus ihnen schlüpfen, oft schon nach einem Sommer sterben. (Michael Löw)

Rödermark: Nur Späne bleiben übrig, wenn Idecke Äste dieses Kalibers – und weit größere – durch den Häcksler jagt. Als Brennholz jedenfalls taugt diese Stärke nicht.

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