Kita-Alltag in Zeiten der Pandemie

Rödermark: Corona bremst pädagogische Arbeit

Ab nach draußen: So oft es geht, schickt Jessica Müller die Kinder aus der Kita Zwickauer Straße ins Freie. Spielen an der frischen Luft ist allemal gesünder als drinnen – egal, welche Anti-Corona-Maßnahmen realisiert werden.
+
Ab nach draußen: So oft es geht, schickt Jessica Müller die Kinder aus der Kita Zwickauer Straße ins Freie. Spielen an der frischen Luft ist allemal gesünder als drinnen – egal, welche Anti-Corona-Maßnahmen realisiert werden.

Die weit über 100 Erzieherinnen und Erzieher in den Rödermärker Kitas arbeiten seit Monaten am Limit. Vor lauter Händewaschen, Abstandhalten und kontaktlosem Abholen kommt die Pädagogik oft zu kurz. Zwei Kita-Leiterinnen berichten über den Alltag in Zeiten von Covid 19.

Rödermark – Jessica Müller schätzt, dass sie seit März Tausende von Kinderhänden gewaschen hat, damit das SARS-CoV-2-Virus im Ausguss verschwindet und gar nicht erst in die Gruppenräume kommt. Die stellvertretende Leiterin der Kita Zwickauer hat Tag für Tag stundenlang nur damit zu tun, den Corona-Alltag zu organisieren. Ähnlich geht"s ihrer Kollegin Mareike Reichel, Chefin der Kita Liebigstraße. Auch sie ist hin und her gerissen zwischen möglichst infektionsfreiem Betrieb und pädagogischem Anspruch. Und den Erwartungen der Eltern.

Mareike Reichel hat sich zum Beispiel von der in Rödermark üblichen offenen Arbeit verabschiedet und die knapp 90 Kinder in zwei feste Gruppen eingeteilt. 45 im Erdgeschoss, 42 oben. „Dann müssen wir bei einem Corona-Verdacht wenigstens nicht alle Kinder nach Hause schicken“, sagt sie.

Drei- bis Sechsjährige, die bis vor wenigen Monaten noch bunt durcheinander spielen durften, sehen ihre Freunde nur noch übers Absperrband. Aber sowohl Mareike Reichel als auch Jessica Müller haben festgestellt: „Nach einem etwas holprigen Start akzeptieren die Kinder diese Grenze.“

Eltern dagegen kritisieren die Einschränkungen immer wieder. Kürzere Öffnungszeiten lösen bei vielen Existenzängste aus, weil Betreuung und Beruf kaum noch zueinander passen. Tenor: Sozialdezernat und Fachabteilung hätten das pauschal entschieden. Dem widersprechen die beiden Pädagoginnen. Denn Dezernentin Andrea Schülner habe das Personal von Anfang mit einbezogen und – wo immer möglich – räumliche und personelle Besonderheiten der einzelnen Einrichtungen berücksichtigt. Die Kita Zwickauer Straße hat viele Zugänge, die das Bringen und Abholen erleichtern. Die Urberacher Kita wiederum profitiert von ihrer Nähe zum Feld. Da können die Kleinen mit ihren Rädchen schnell mal an die Luft.

Der zusätzliche Aufwand geht dem Rödermärker Kita-Personal an die Substanz. Früh- und Spätdienste müssen ebenso wie die Essensausgabe anders besetzt werden. Viele pädagogische Fachkräfte schieben noch Urlaub vor sich her, weil die Stadt die Sommerferien um eine Woche verkürzt hat. „Unsere Leute sagen, ich brauche ihn. Denn ich kann nicht mehr“, gibt Jessica Müller die Stimmung wider.

Verzichten können die Leiterinnen aber auf niemanden. Viele Erzieherinnen sind selbst Mütter und sehen sich plötzlich einem Corona-Fall in Kita oder Schule des eigenen Kindes gegenüber. Mareike Reichel: „Ich habe schon morgens um sechs Anrufe von Kolleginnen bekommen, weil die Familie in häusliche Quarantäne musste.“ Das passiere mindestens einmal die Woche. Also ist Improvisieren angesagt, doch klonen können sich die Erzieherinnen nicht. „Jede von uns kann nur einmal da sein“, bedauert Jessica Müller.

Die Pädagogik kommt häufig zu kurz. Da reden die Leiterinnen auch nicht um den heißen Brei herum. Jessica Müller hat morgens zwischen acht und neun alle Hände voll zu tun, um Kinder in Empfang zu nehmen, ihnen beim Umziehen zu helfen oder Kontaktlisten zu führen. Dann muss sie Kinder vertrösten, die fragen: „Liest du mir etwas vor?“ Das mache sie „richtig traurig“.

Aber auch Eltern bekommen nicht immer die Auskunft, die sie brauchen oder wünschen. Hat mein Kind gut gefrühstückt?, ist so eine Frage, auf die die Erzieherinnen notgedrungen die Antwort schuldig bleiben. Selbst weit wichtigere Fragen zur Entwicklung eines Kindes lassen sich nicht mehr in den Tür-und-Angel-Gesprächen klären, die vor Corona die normalste Sache der Welt waren. Mareike Reichel und Jessica Müller appellieren an die Eltern: „Reden Sie trotz knapper Zeit mit uns! Wenn nicht live, dann notfalls mit einer E-Mail!“ Denn auch in Corona-Zeiten bemühen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sich um die bestmögliche Betreuung. Die Pandemie hat die Maßstäbe jedoch leider verschoben. (Michael Löw)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare