Grün-schwarzes Patt nach der Kommunalwahl: Parteien halten sich bei Koalitionsfrage bedeckt

Rödermark: Das große Abtasten beginnt

Zum ersten und wohl auch einzigen Mal diente die Sporthalle im Gleisdreieck Ober-Roden am Sonntag als Wahllokal. Denn die Kulturhalle war wegen des Einbruch Anfang Februar nur eingeschränkt nutzbar. Der Bauhof hatte sich viel Arbeit gemacht und den Boden abgeklebt und eine Einbahn-Regelung ausgeschildert. Trotzdem, so schätzte Wahlhelfer Markus Wehner, musste er 100 Leuten den richtigen Weg nach draußen weisen.
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Rödermark: Zum ersten und wohl auch einzigen Mal diente die Sporthalle im Gleisdreieck Ober-Roden am Sonntag als Wahllokal. Denn die Kulturhalle war wegen des Einbruch Anfang Februar nur eingeschränkt nutzbar. Der Bauhof hatte sich viel Arbeit gemacht und den Boden abgeklebt und eine Einbahn-Regelung ausgeschildert. Trotzdem, so schätzte Wahlhelfer Markus Wehner, musste er 100 Leuten den richtigen Weg nach draußen weisen.

Die Andere Liste ist in Rödermark Siegerin der Kommunalwahl. Mit 32,4 Prozent musste sie zwar der CDU (33,7 Prozent) den ersten Platz im Partei-Ranking überlassen. Aber als einzige Partei hat die AL ihr 2016er Ergebnis verbessert, nämlich um satte 8,2 Prozentpunkte. Die CDU, grüner Koalitionspartner seit 2011, verlor kräftig. Minus 5,8 Prozentpunkte hieß es am Dienstagabend gegen 20 Uhr.

Rödermark - Damit war Rödermark Schlusslicht im Kreis. Technische Probleme hatten die Auszählung der Stimmen massiv verzögert. Die städtischen Server seien sehr langsam gewesen, räumte Bürgermeister Jörg Rotter auf Nachfrage ein. Wegen der Corona-Pandemie hatten zudem viele erfahrene Wahlhelfer dieses Jahr abgesagt; die neuen mussten sich erst einarbeiten. Und in vier Fällen hatte die Zahl der Stimmen nicht zur Zahl der Stimmzettel gepasst. Dann mussten nach Auskunft des Bürgermeisters Verwaltungsmitarbeiter nachzählen, bevor das Ergebnis gemeldet werden konnte.

Die Rödermärker „GroKo“ aus CDU und AL hat ihren Vorsprung vor der Opposition von 25 auf 26 (von 39) Parlamentssitzen ausgebaut. Würde das zuletzt arg zerstrittene Bündnis weitermachen, bestände des aus zwei gleich starken Partnern.

„Wir sind die einzige Partei, die gewonnen hat“, jubelte AL-Spitzenkandidatin Karin von der Lühe und dankte den Wählern für ein Geschenk zu ihrem Geburtstag gestern. Die Rödermärker hätten der AL „einen klaren Auftrag erteilt“, und diese Verantwortung wolle sie auch übernehmen. Mit wem? Karin von der Lühe nannte die Rödermärker „GroKo“ in einem Atemzug mit einer „Ampel“ aus Grünen, SPD und FDP. Ein solches Bündnis hätte zwei Stimmen mehr als die übrigen vier drei Fraktionen. Alle Parteien müssen das Ergebnis aber erst einmal sacken lassen, gab sich die Nummer eins der grünen Kandidatenliste „absolut offen“. Denn trotz vieler inhaltlicher Differenzen hatte die letzte Stadtverordnetenversammlung viele Entscheidungen einstimmig getroffen.

Fast sechs Prozent Verlust seien „ein Brett“, versuchte sich Sven Sulzmann, Spitzenkandidat der CDU und amtierender Parlamentspräsident, erst gar nicht im Beschönigen. Die Rödermärker AL habe vom hessenweiten Trend zu den Grünen profitiert, aber auch von Themen wie Klimaschutz, die junge Wähler ansprechen. Seine Partei habe dagegen den Frust gegen die Corona-Politik von Bund und Land abbekommen. „Wir sollten als CDU aber nicht noch grüner werden“, zog Sulzmann eine Grenze. Ökologie funktioniere nur, wenn auch die Wirtschaft auf festen Füßen stehe. Rödermark brauche deshalb keine Riesen-Baugebiete, wohl aber genug Flächen für Firmen und Wohnungen. Zur Koalitionsfrage meinte Sulzmann knapp: „Jeder hat die gleiche Chance, mit uns zu sprechen!“

Diese angebliche Chancengleichheit lässt die SPD-Spitzenkandidatin Anke Rüger nur müde lächeln: „Ich bin da ganz realistisch, dass das derzeitige Bündnis mit noch satterer Mehrheit weiter regieren wird.“ Eine „Ampel“ ist für die streitbare Genossin allenfalls „theoretisch denkbar“. In ihren Augen ist es „sehr bitter“, dass die ohnehin schon kleine SPD-Fraktion um einen weiteren Sitz geschrumpft ist. Das tue ihr für die vielen jungen Bewerber leid, die mit viel Engagement Online-Wahlkampf gemacht hätten. Der aber – und das ist für Anke Rüger eine Erkenntnis des Corona-Winters – habe die persönlichen Gespräche am Infostand nicht ersetzen können.

Zu den Gewinnern vom Sonntag gehören auch die Freien Wähler (FWR), deren Ergebnis exakt dem von vor fünf Jahren entsprach. ParteichefPeter Schröder ist aber nicht nur deshalb hochzufrieden. Im Urberacher Stimmbezirk 24, sozusagen in seiner Nachbarschaft, lagen die FWR mit 19,5 Prozent vor der CDU. Nur die AL war besser. In Schröders Augen gibt es zwei Optionen: Entweder Schwarz-Grün macht weiter oder eine der beiden Parteien regiert mit wechselnden Mehrheiten. Eine Koalition mit der CDU hält er für wenig wahrscheinlich: Die habe den FWR „schon zweimal Honig um den Bart geschmiert“, und dann habe er in der Zeitung von der Zusammenarbeit mit der AL gelesen.

FDP-Spitzenmann Tobias Kruger sprach von einer „seltsamen Situation“ für seine Partei. Bei fast gleichen Prozenten habe sie einen Sitz im Parlament verloren. „Das ist Wahl-Mathematik und bitter, aber kein Anlass zum Katzenjammer“, bleibt Kruger kämpferisch. Zur Koalitionsfrage äußerte er gestern nur seine persönliche Meinung: „Ich verstehe unser Ergebnis nicht als Auftrag zur Regierungsbildung.“

„Das Wahlergebnis der AfD ist bedingt durch unsere kurze Kandidatenliste. Unser Wahlziel im neuen Stadtparlament vertreten zu sein, haben wir damit erreicht. Somit können wir unsere Vorstellungen zukünftig direkt in die politische Arbeit einbringen“, kommentierte Vorstandsmitglied Joachim Roos die mageren 1,7 Prozent. (Michael Löw)

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