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Rödermark: Der Mann am Bestimmer-Instrument

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Von: Michael Löw

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Der Mann mit der vergoldeten Trompete: Francisco Hitzel ist Orchestermitglied und Vorsitzender des Musikvereins 03 Ober-Roden. Die hauchdünne Goldschicht auf dem Instrument zeugt nicht vom Reichtum seines Besitzers, sondern verbessert den Klang – zumindest wenn Könner wie der 55-Jährige darauf spielen.
Rödermark: Der Mann mit der vergoldeten Trompete: Francisco Hitzel ist Orchestermitglied und Vorsitzender des Musikvereins 03 Ober-Roden. Die hauchdünne Goldschicht auf dem Instrument zeugt nicht vom Reichtum seines Besitzers, sondern verbessert den Klang – zumindest wenn Könner wie der 55-Jährige darauf spielen. © Michael Löw

Wer Blech redet, langweilt seine Zuhörer mit viel Mist. Wer hingegen Blech spielt, unterhält sein Publikum. Und wer vergoldetes Blech spielt, darf sich als einer der Besseren seines Fachs bezeichnen.

Rödermark - Francisco Hitzel, Besitzer einer Trompete mit Goldauflage und neuer Vorsitzender des Musikvereins 03 Ober-Roden, zieht einen Vergleich aus dem Sport heran. „Als Fußballer wäre ich ein Führungsspieler“, sagt er. Aber nicht nur beim FC Germania oder der Turnerschaft, sondern ein paar Klassen höher bei den Offenbacher Kickers. Die genießen in Hessen – sieht man einmal von Frankfurt oder Darmstadt ab – bekanntlich einen guten Ruf. Allein um dieses Niveau zu halten, übt Hitzel jeden Tag zwei Stunden. Viel länger trainieren die OFC-Profis auch nicht...

Der heute 55-Jährige hat die Musikalität von seinem Vater geerbt. Der spielte Saxofon und hörte daheim viel Musik. Klein-Francisco folgte seinem Beispiel so erfrischend, wie es Kinder eben tun: Er legte sich zwischen zwei Lautsprecher und hatte klanggewaltige Kopfhörer. „Was willst du spielen?“, fragte Hitzel senior, als der Junior ungefähr neun war. Seine Antwort: „Nicht das gleiche Instrument wie du!“

Mit der Trompete fing er an, das Flügelhorn kam dazu. Musikalische Laien nennen die Trompete etwas abschätzig ein Butter-und-Brot-Instrument, weil sie so weit verbreitet ist. Für Francisco Hitzel ist sie ein Bestimmer-Instrument. „Im Orchester battlen wir Trompeter uns manchmal“, beschreibt er den mitunter lauten Wettkampf der Bläser. Und zeigt ein paar Minuten später im Probenkeller daheim, wie sanft und leise eine gekonnt gespielte Trompete klingt.

Der frühere „03er“-Dirigent Röhrig war Hitzels erster Lehrer. „Hätte ich keine Trompete gespielt, würde ich nicht mehr leben“, hat er seinen Schülern immer wieder erzählt: In russischer Kriegsgefangenschaft blies Röhrig beim Fahnenappell. Das hob ihn aus der Masse hervor.

Gut 45 Jahre spielt sein ehemaliger Schüler Hitzel Trompete, nicht nur im Orchester des Musikvereins 03. Der „sehr gute Amateurmusiker“ – so schätzt er sich ein – ist in mehreren Gruppen und Projekten aktiv. Sein Geld verdient er mit Musik, allerdings nicht mit einem Instrument. Francisco Hitzel ist Toningenieur beim Hessischen Rundfunk. Er sorgt für den richtigen Sound, wenn das Symphonieorchester oder die Big Band des Senders auftreten. Die HR-Big Band gilt als eine der Besten ihres Genres in Europa. In Deutschland leisten sich außer dem HR nur noch der Norddeutsche und der Westdeutsche Rundfunk einen Luxus, der lange eine Selbstverständlichkeit war. „Die Big Band spielte früher im Sendesaal live, was heute aus dem Rechner kommt“, erinnert sich Vollblutmusiker Hitzel mit einer Portion Wehmut.

Der Ober-Röder Trompeter übernimmt auch die tontechnische Betreuung berühmter Gastkünstler. Der 2017 gestorbene amerikanische Jazz- und Bluessänger Al Jarreau, der Held seiner Jugend, gab unter Hitzels Obhut sein letztes Konzert in Deutschland.

Es gab nur einen Musiker, der Francisco Hitzel mehr fasziniert hat: Ray Charles. „Die Begegnung mit ihm war mein bis heute einschneidendstes Erlebnis“, sagt er. Denn Ray Charles war Weltstar und Mensch zugleich, bei seinem Konzert hat man die berühmte Stecknadel fallen gehört. Francisco Hitzel: „Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.“ (Michael Löw)

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