Zu Besuch bei Karl Löffert: Kunst- und Naturfreund, Kind der Arbeiterbewegung

Ein Leben mit klaren Grundsätzen

Nach einem Holzschnitt wurde dieses Grieshaber-Plakat gedruckt, das Karl Löffert präsentiert.
+
Nach einem Holzschnitt wurde dieses Grieshaber-Plakat gedruckt, das Karl Löffert präsentiert.

Es gibt Menschen, die Meinungen und Weltanschauungen wechseln können wie Socken. Der Rödermärker Karl Löffert (Jahrgang 1935) gehört nicht dazu. Als politisch aktiver Mitbürger und Kunstfreund hat der wache 85-Jährige immer nach klaren Grundsätzen gelebt und gehandelt – was ihm nicht nur Freunde gemacht hat. Anders ist das in Offenbachs Klingspor-Museum, wo man Löfferts Stiftung – rare Holzschnitte des Expressionisten HAP Grieshaber – gerne angenommen und inventarisiert hat. Nach der Inventarisierung hofft der Stifter auf eine Präsentation, in etwa wie 2004, als seine Grieshaber-Blätter mit denen anderer Naturfreunde-Sammler im „Klingspor“ zum 90-jährigen Bestehen der Naturfreunde Offenbach zu sehen waren.

Urberach - Bei Kaffee und Kuchen im Wintergarten seines Urberacher Häuschens, in dem er seit 1974 mit seiner Familie lebt, geht der gebürtige Offenbacher Bub in die Vollen: „Man kann mich einen Alt-Linken nennen, Stalinist war ich nie. Mich interessiert bei allem die Menschwerdung. Dazu beschäftigt mich die Frage: Wohin soll es gehen in unserer Gesellschaft? Das hat mich zu Kunst und Kultur hingeführt und zum Maler und Holzschneider HAP Grieshaber.“

Nicht zufällig liegen dazu auf seinem Lesetisch Bücher wie „Die drei Leben der Hannah Arendt“, Erich Kästners geheimes „blaues“ Kriegstagebuch oder Halbmond-Verse der mesopotamischen Königstochter En-hedu-anna, der ersten überlieferten Schriftstellerin der Erde.

Löfferts Bildungsinteresse und soziales Engagement sind gekoppelt an Verletzlichkeit. Seinen gleichnamigen Vater Karl Löffert, der sehr unter den Nazis litt, lernte er kaum kennen. Es war für den achtjährigen Karl eine persönliche Katastrophe, als Löffert senior 1943 im KZ Buchenwald ermordet wurde. In der alten Heimat der Löfferts in Offenbachs Liebigstraße weist ein „Stolperstein“ auf dieses Verbrechen hin.

Karl und sein Bruder waren nun Halbwaisen, wurden im Krieg Richtung Bergwinkel „ausgelagert“. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs schlug Mutter Löffert ihre Familie als Putzfrau durch – später wurde sie die erste geprüfte Floristin in Offenbach. „Sie weckte in mir den Hang zum Schönen, sie liebte Kunstgewerbe“, sagt der Sohn über die Frau, die mit ihm 1949 die erste Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche besuchte. Was ihn dazu über Wasser hielt, war der Offenbacher Verein „Naturfreunde“: „Wenn wir Jungen nicht die Naturfreunde-Jugendgruppen gehabt hätten, wären wir völlig traumatisiert herumgelaufen.“

Das hinderte den 16-jährigen Leibnizschüler Karl nicht daran, das Gymnasium nach der Obertertia zu verlassen. Das Arbeiterkind machte eine Lehre als Schlosser beim Druckmaschinenhersteller Roland in Offenbach: „Es machte mir Spaß, Druckmaschinen zu betreuen und zu reparieren, die technische Seite des Druckens kennenzulernen.“ Auch die Wirkung der Farben und die Papierproduktion interessierten ihn. Dazu kam die politische Seite der Ausbildung.

Löffert wurde 1. Vorsitzender der Jugendvertretung bei Roland, befasste sich gerne mit Bildungsfragen. Das führte ihn zum Studium an Frankfurts Akademie der Arbeit. Als externe Kurse der Akademie in Frankfurts Schule für Sozialarbeit stattfanden, war Löfferts weiterer Weg in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit vorgeprägt: Er wurde Jugendsekretär der IG Chemie, erst in Hannover, dann in Köln und in Frankfurt.

„In Hannovers und Kölns Sozialausschüssen war das prima, in Frankfurt wurde das schwierig“, sagt Löffert, der die Ausbildung verändern wollte. Der IG Chemie in Frankfurt wurde er unbequem, als Jugendsekretär wurde er „kaltgestellt“. Was den Kämpfer nicht davon abhielt, weiterzuarbeiten und andere Aufgaben zu übernehmen.

Ins Weltbild des jungen Löffert passte seine Frau Gerti, eine Sudetendeutsche, die durch die Hölle eines Antifa-Lagers gehen musste. Sie hatte er über Urberacher Naturfreunde kennengelernt, beide wuchsen zur Einheit zusammen. Seine Frau arbeitete beim Insel-Verlag in Frankfurt, was beider bibliophile Passion beförderte. Als Naturfreunde waren sie ebenso humanen und politischen Idealen zugetan wie Literatur und Kunst. Das Idol des Paares – und vieler anderer Naturfreunde – war Helmut Andreas Paul (HAP) Grieshaber, der es bis zu seinem Tod 1981 verstand, große künstlerische Fähigkeiten mit politischem Engagement zu vereinen.

Bei den Löfferts sammelte sich so über die Jahre viel Grieshaber an, vor allem Holzschnitte auf Papier. Darunter sind Drucke zum Hauptwerk „Der Baseler Totentanz“, Plakate zum 1. Mai und Malerisches wie Grafisches, an dem man sieht, wie nah der unbequeme Schwabe von der Alb seinem Vorbild Picasso war. Löffert dazu: „Grieshaber hatte die gleichen Ideale wie wir Ostermarschierer und Friedensbewegten. Er drückte aus, was uns beschäftigte. Er machte Kunstprojekte zum Bauernkrieg von 1525, der ersten sozialen Revolution in Deutschland. Uns einte der Kampf gegen Notstandsgesetze, Umweltzerstörung und Atomkraftanlagen. Wir Naturfreunde waren die ersten, die heftig gegen Naturzerstörung demonstrierten.“ Mit „wir“ meint Löffert auch Offenbacher Naturfreunde wie den späteren Oberbürgermeister Walter Buckpesch, Ingenieur Erich Nagel oder den VHS-Vorsitzenden Rolf Ringwald und dessen Frau Lore, die Führungen zu Bauernkriegsstätten organisierten. Daneben wuchs sein Interesse für Urberachs Geschichte, auch für den legendären Urberacher SPD- und KPD-Landtagsabgeordneten Aloys Rink und die Situation NS-Verfolgter aus Rödermark. Löffert will Missverständnissen vorbeugen: „Grieshaber wurde attackiert wegen einer Figur gegen den Korea-Krieg, die nie verstanden wurde – wie meine Teilnahme an der Vietnam-Hilfe. Mein Vergehen war, dass ich eine Aktie einer Nähnadelfabrik in Haiphong kaufte.“ Sobald der bewegte Mann über sein Vorbild spricht, arbeitet sein ganzer Körper: „Grieshaber war nicht eindimensional, er hat andere Dinge verarbeitet, in herrlichen, manchmal dramatischen Farben wie bei den Gouachen zum Baseler Totentanz. Seine Malbriefe zeigen ihn als großen Maler, seine Arbeiten zur Josephslegende sind einzig.“ Löffert, ein Kind der Arbeiterbewegung, trägt solche Begeisterung durch die Unwägbarkeiten seines Lebens. Seine Verehrung für Grieshabers Kunst möchte er mit vielen teilen – ein Grund für seine Stiftung ans Klingspor-Museum.

Von Reinhold Gries

Eine Grieshaber-Gouache zum Totentanz, hier das Motiv der Mutter.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare