Wachmann steht vor Gericht

Totschlag-Prozess: Einbrecher in Panik überfahren?

Ober-Roden/Darmstadt - Der Tod eines Autoknackers wird seit gestern vor dem Landgericht Darmstadt verhandelt. Ein Wachmann hatte den 40-Jährigen in der Osternacht 2016 auf einem Gewerbegrundstück überfahren. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Totschlag vor. Die Mindeststrafe dafür beträgt fünf Jahre. Von Michael Löw 

Auf dem Video einer Überwachungskamera wirken das Gelände einer Autohandlung im Industriegebiet Ober-Roden und das Nachbargrundstück menschenleer. Aber nur auf den ersten Blick: Dann tauchen am oberen rechten Bildrand ein helles Auto und zwei Gestalten an einem Zaun auf. Eine rennt aus dem Bild, die andere klettert über den zwei Meter hohen Zaun und gerät ins Scheinwerferlicht des Autos. Sekundenbruchteile später sieht man den Opel Meriva über etwas holpern. Volker Wagner, Vorsitzender Richter der 11. Strafkammer am Landgericht Darmstadt, ließ im Prozess gegen einen Wachmann - nach entsprechender Warnung - den Tod eines Menschen zeigen. Eindeutige Erkenntnisse lieferten die Bilder jedoch nicht.

Der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes war kurz nach 3 Uhr in der Osternacht 2016 zu einem Autohaus in Ober-Roden alarmiert worden - zum zweiten Mal an diesem Wochenende. Bei der Kontrollfahrt über das verwinkelte, aber gut beleuchtete Gelände sah er im Rückspiegel einen dunkel gekleideten Mann von hinten auf sein Auto zurennen. „Ich hatte Angst, wollte mein Leben retten und nur noch weg“, sagte der Wachmann zum Prozessauftakt. Sein Auto durchbrach mit ungefähr 35 Stundenkilometern den Zaun zu einem Nachbargrundstück. Das war sein einziger Fluchtweg. Plötzlich habe es geknallt - „so als wenn jemand auf die Motorhaube haut“. Dass er einen Menschen überfahren hatte, merkte erst beim Wenden seines Autos.

Staatsanwältin Barbara Sieger wirft dem Wachmann Totschlag und nicht nur fahrlässige Tötung vor. vor. „Sie haben getötet, ohne ein Mörder zu sein“, sagte sie. Ihrer Ansicht nach muss der 35-Jährige gewusst haben, dass zwei Einbrecher auf dem Firmenhof waren. Das folgert die Anklagevertreterin aus den Aussagen, die der Wachmann nachts mehreren Polizisten gegenüber machte.

Dabei habe er gesagt, ein zweiter Mann sei plötzlich von links vor sein Auto gesprungen. Diesen Satz bestätigten fünf oder sechs Polizeibeamte, die Wagner als Zeugen geladen hatte. Trotzdem beteuerte der Angeklagte mehrfach, nur den Mann im Rückspiegel, nicht aber das Opfer gesehen habe. Richter und Staatsanwältin hatten einen weiteren Grund, an der Beobachtungsgabe des Angeklagten zu zweifeln: Die Warnblinker eines aufgebrochenen Geländewagens, die Polizisten noch Stunden später bemerkten, will er nicht gesehen haben, obwohl er nur zwei Meter an dem Auto vorbeifuhr.

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Ob mehr als Panik hinter der nächtlichen Todesfahrt stand, muss die 11. Strafkammer an zwei weiteren Verhandlungstagen in der nächsten Woche klären. Fest steht aber, dass der Autoknacker keine Überlebenschance hatte. Der Opel überrollte Kopf und Oberkörper. Ein Polizist, der der Notärztin beim Reanimieren half, beschrieb die Verletzungen drastisch: „Er hat aus allen Löchern geblutet und nur noch geröchelt.“ Der 40-jährige Litauer starb aber um 5.16 Uhr im Krankenhaus.

Seine Frau und seine Töchter sind Nebenkläger in dem Verfahren gegen den Angeklagten, der selbst drei Kinder hat. Ein gescheiterer Einbruch und ein scheinbarer Routinealarm haben vielleicht das Leben von zwei Familien zerstört.

Rubriklistenbild: © dpa

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