Heimat- und Geschichtsverein porträtiert altes Gaswerk

Rödermark: Einst ein Denkmal des Fortschritts

Dieses Luftbild des Ober-Röder Gaswerks stammt aus dem Jahr 1981. 1986 wurden sämtliche Gebäude dem Erdboden gleichgemacht – eine politisch höchst umstrittene Entscheidung.
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Rödermark: Dieses Luftbild des Ober-Röder Gaswerks stammt aus dem Jahr 1981. 1986 wurden sämtliche Gebäude dem Erdboden gleichgemacht – eine politisch höchst umstrittene Entscheidung.

Das Gaswerk-Gelände ist seit Jahrzehnten ein Synonym für Stillstand. Es liegt brach, weil sich eine Erbengemeinschaft nicht einigen kann, ob und wie das Grundstück bebaut wird. Doch vor mehr als 100 Jahren war das Gaswerk an der Straße nach Urberach ein Zeichen des Fortschritts in Ober-Roden. Der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) Rödermark widmet ihm das Juli-Blatt seines Historischen Kalenders 2021.

Rödermark - Durch den Bau der Bahnlinien Richtung Offenbach und Buchschlag hatte der Ort zwischen 1896 und 1905 verkehrsmäßig den Anschluss an die industrielle Entwicklung gefunden, jetzt wollte Bürgermeister Adam Schrod mehr. Auf seine Initiative hin gründeten Ober-Roden, Urberach und Eppertshausen den Gasversorgungsverband, 1909 wurde mit dem Bau des Gaswerks begonnen - damals noch mehrere hundert Meter vom Ort entfernt und unter dem Namen Beleuchtungszentrale. Am 12. Januar 1910 ließ die dort gewonnene Energie die Straßenlampen leuchten.

Das Gaswerk bestand aus dem Betriebsgebäude, dem Gasbehälter, dem Heizhaus und den Teer- und Ammoniakgruben. Das Gas wurde aus Steinkohle erzeugt, die mit der Bahn schnell und in großen Mengen nach Ober-Roden gebracht werden konnte. Pro Tag wurden 260 bis 280 Kubikmeter produziert. Aufbewahrt wurde das Gas in einem geschmiedeten Behälter, der in einem eisernen Wasserbassin schwamm. Doch nicht nur die Technik war modern. „Auch die Arbeiterstube und die Toilette waren nach den neuesten Erkenntnissen gebaut worden“, schreibt der Historiker Professor Egon Schallmayer in seiner Chronik „1200 Jahre Ober-Roden“.

Schon 1913 wurde ein Erweiterungsbau nötig, weil immer mehr Ober-Röder, Urberacher und Eppertshäuser sich die modernen Zeiten ins Haus holten.

Die Blüte währte nicht lange, 1928 wurden die drei Orte an die Gas-Fernversorgung angeschlossen. 1930 legte die Heag, die 1920 den Versorgungsverband abgelöst hatte, das Gaswerk still. 1935 verkaufte sie es an die Hutstofffabrik Böffinger und Eichler. Die lagerte dort die Felle, aus denen Hutstoff produziert wurde.

Weitere Besitzerwechsel folgten. Derzeit gehört das Gelände besagter Erbengemeinschaft aus Hamburg. Die Lage ist mittlerweile so verzwickt, dass die Stadt das Grundstück voriges Jahr aus dem Bebauungsplan herausgenommen hat.

1986 wurden die verbliebenen Gebäude abgerissen. „In einer Nacht- und Nebelaktion“, schrieb die Offenbach-Post damals. Viele hätten das Gaswerk gerne erhalten. Neu gegründete Vereine wie der HGV oder der Jazzclub hatten ein Auge darauf.  (Michael Löw)

Rödermark: Am Haus der Familie Gensert in der Traminer Straße leuchtete eine der ersten Urberacher Gaslaternen.

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