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Rödermark: Eltern waren die ersten Siedler

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Im Bürgertreff studieren die Brüder Theo (rechts) und Günther Frieß (Mitte) gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Siedlergemeinschaft, Horst Hyland, die Flurkarten der frühesten Waldacker-Besiedlung.
Im Bürgertreff studieren die Brüder Theo (rechts) und Günther Frieß (Mitte) gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Siedlergemeinschaft, Horst Hyland, die Flurkarten der frühesten Waldacker-Besiedlung. © Ziesecke

Manche Waldackerer fühlen sich vom Rest Rödermarks abgehängt. Und trotzdem leben sie gerne hier. Zwei waschechte „Hoabacher“ erzählen, warum das so ist.

Rödermark – Waldacker ist klein, rund 3000 Einwohner. Waldacker hat fast keine Einkaufsmöglichkeiten mehr. Waldacker hat eine schlechte Anbindung an Bus und Bahn. Und dennoch kommen immer mehr Menschen mittleren Alters, die hier ihre Kindheit verbracht haben, hierher zurück. Und die „Alten“ bleiben. Warum eigentlich? Wo bleibt die sprichwörtliche Mobilität der heutigen Generationen?

Was hält die ersten Einwohner hier? Es ist wohl eine gesunde Mischung aus Tradition, Verbundenheit und einer gewissen Sicherheit. Und jene Frauen und Männer, die schon fast von den Anfängen an hier leben, kennen alle Schwierigkeiten, die sich mit Waldacker verbinden. Was soll sie da noch erschüttern? In der „Hoabach“ zu leben, also nahe am Bach, der vermeintlich der Namensgeber ist, ist nicht aufregend, aber oft ruhig und meist schön, auch landschaftlich.

Die Besiedelung Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts verlief ausgesprochen originell: Wer in Ober-Roden zu jener Zeit arbeitslos war, wurde von Amts wegen Waldackerer. „Die ganze Bagage wurde von der Gemeinde zum Bau der ersten acht spitzgiebeligen Doppelhäuser in der heutigen Hauptstraße geschickt. Und erst, als die Häuser fertig waren, wurden sie den Interessierten zugelost“, erzählen die frühen Siedler. So war eine gleichmäßige Bebauung ohne Bevorzugung garantiert; die Gemeinde stellte das damals wertlose, weil sandige Gelände zur Verfügung und übernahm die Baustoffkosten für die identischen Häuser mit einheitlichen Schuppen und Gärten. Die Siedlergemeinschaft, die sich 1935 zusammenschloss, musste die Rodung übernehmen und zog die ersten Häuser in Eigenhilfe hoch. „Alles war sehr einfach“, berichtet Theo Frieß, einer der ersten Einwohner hier, der aber noch in Ober-Roden geboren wurde.

Bruder Günther Frieß und seine Lebensgefährtin wohnen heute noch im Elternhaus, mittlerweile längst angebaut und aufgestockt, aber mit dem alten Grundriss. Mittlerweile wurden die Grundstücke Richtung Kappenwald noch einmal geteilt.

Im Haus ist kaum mehr etwas wie früher. Die Schräge des Daches wurde längst hochgemauert, um Platz zu gewinnen. Nach dem Krieg wurde erst mal die Küche angebaut; und „über der Küche war ‚unser’ Zimmer“, berichtet Günther Frieß. Ein Bad wurde angebaut, später wurde nochmals nach hinten erweitert. „Ein Vorteil: Wir hatten schon die Toilette im Haus, auch wenn es noch ein Plumpsklo war.“

Strom war von Anfang an da, doch die ersten Siedler hatten kein Wasser. Daher haben sie drei rund 20 Meter tiefe Brunnen gebohrt zwischen den Grundstücken, doch jeder Anwohner musste für Wasser bis zur Grundstücksgrenze – damals noch am Waldrand – laufen und pumpen; im Winter allerdings waren die Pumpen häufig eingefroren.

Etwa 1939/40 haben diese Siedler unter Leitung eines Pumpenmeisters gemeinsam eine Förderanlage gebaut – vier mal vier Meter etwa. Die ist heute noch da, aber zugeschüttet. Hans Schneider musste während des Baus immer in den Schacht klettern, denn er war der kleinste der Nachbarn; der hochgeholte Sand wurde dann in den Wald gebracht. Mit einer Saug- und Luftpumpe kam man zuletzt bis auf etwa 25 Meter Tiefe. „Dann wurde an der Siedlung Gräben als Zugänge gegraben – bis auf Nachbar Hunkel. Der wollte nicht“, erinnert sich schmunzelnd Theo Frieß. „Trotz allem war immer enger Kontakt unter den alten Nachbarn. Heute ist der nicht mehr so eng wie früher. Doch man hilft sich immer noch gegenseitig.“

„Für uns Kinder war damals ein großes Problem die Schule. Als wir eingeschult wurden, hatten wir keine Räder und mussten laufen. Und sogar in den ganz kalten Wintern 40/41, als Schneewehen zwischen Waldacker und Ober-Roden lagen, mussten wir zu Fuß in die Schule! Da sind uns die Tränen angefroren“, denkt Theo Frieß zurück. „Den Schulbus haben wir als Siedler erst eingeführt; die erste Busverbindung kam 1952. Nur für uns Siedler.“ Dietzenbach war damals eine völlig andere Welt, auch konfessionell bedingt, denn die Nachbarstadt war überwiegend evangelisch.

Vier Kinder hatte die Familie Frieß in ihrem Haus großgezogen: Willi (geboren 1929, längst verstorben), Theo (91), Günther (79) und Edwin (75). Der Jüngste hat es immerhin bis Potsdam geschafft; seine Brüder sind in Waldacker geblieben. Und Günther kam zurück ins Elternhaus, aus dem Theo weggezogen war: 1960 in die Jägerstraße und dann 1975 in die Hühnerhecke, etwa drei Minuten zu Fuß...

„Mehr als die Hälfte der Häuser gerade hier in der Hauptstraße sind noch von den direkten Nachkommen der ursprünglichen Besitzer bewohnt“, sagt Günther Frieß. Bei ihm sind es beide Nachbarn: Hunkel links und Zimmer rechts. „Wir und Zimmers sind die letzten Siedler der zweiten Generation, sonst sind überall schon die Enkel drin.“ Warum sie hier geblieben sind? „Was soll man denn sonst machen? Wenn man schon mal da ist.“

Günther Frieß hat beim Feintäschner Ludwig Gotta in Ober-Roden gelernt. Seiner ersten Frau zuliebe hat er das Elternhaus ein paar Jahre verlassen und in Heusenstamm gewohnt. Später kam er mit Bruder Theos erstem Auto zur Arbeit. Zurückkommen war für ihn selbstverständlich, wer hätte sich schließlich um die Eltern gekümmert? Er hätte auch gerne in Messenhausen gebaut, aber der Familie zuliebe zog er doch wieder in das Haus seiner Kindheit.

Heute ist das ganze Grundstück eine wahre Pracht. Alte und junge Bäume, Brunnen zwischen Kräutern und Blumenstauden und viele lauschige Sitzecken, und dazwischen Rita (die für ihn nach Waldacker zog) und Günther Frieß. Er hat stets einen transportablen Klapphocker dabei, weil er nicht mehr lange stehen kann. Aber sie machen noch alles selber, und sie genießen ihr Leben.

Im Haus gibt es kaum mehr wirklich Ursprüngliches, auch wenn die Fassade der parallel aufgebauten Doppelhäuser heute noch wie eh und je ist und in der Draufsicht an die Dreißigerjahre erinnert. 1 936 Quadratmeter war das Grundstück groß; hinten hatte Günther Frieß noch mal angebaut für die Tochter. Sie lebt aber nun schon über 20 Jahre mit Enkeln und Urenkeln in den USA; der Fortbestand der Familientradition im Hause Hauptstraße 94 ist also ungewiss. „Aber erst wollen wir hier noch eine schöne Zeit haben“, freuen sich Günther Frieß und seine Rita – Waldacker ist halt doch die Heimat und wird es möglichst auch bleiben. (Christine Ziesecke)

Acht identische Doppelhäuser entstanden Mitte der 1930er Jahre entlang der heutigen Hauptstraße. Ihr Bau war der Beginn der Besiedelung des Ortsteils Waldacker. Das Foto ist aus der Festschrift „75 Jahre Siedlergemeinschaft“.
Acht identische Doppelhäuser entstanden Mitte der 1930er Jahre entlang der heutigen Hauptstraße. Ihr Bau war der Beginn der Besiedelung des Ortsteils Waldacker. Das Foto ist aus der Festschrift „75 Jahre Siedlergemeinschaft“. © -

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