Backwarenbranche fest im Visier

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Die Geschäftsführer von Zeppelin Reimelt, Hans-Jürgen Sussann (links) und Bernhard Scherer (Mitte), stehen mit einem Mitarbeiter vor einer Laserschneidemaschine.

Rödermark-Urberach - Vor dem Werkstor ist ein Ingenieur auf dem Sprung nach Peking. Mit dem Taxi geht es in Minuten zum Airport Rhein-Main und danach im Schnellflug bis in die chinesische Hauptstadt. Von Axel Wölk

Urberach als Drehkreuz für einen der weltweit führenden Anlagenbauer, der Schüttgutlogistik für die Lebensmittelproduktion liefert. Die Aufgabe des Mitarbeiters von Zeppelin Reimelt: In der politischen Schaltzentrale des Reichs der Mitte soll beim Lebensmittelmulti Kraft eine neue Anlage in Betrieb genommen werden.

Auch im heimischen Urberach dreht sich alles um die Produktion von Nahrungsmittelanlagen. Esssachen, die mit Schüttgut wie Mehl, Stärke oder Molkepulver produziert werden, laufen auf Maschinen von Zeppelin Reimelt vom Band. Größtes Standbein sind Anlagen für die Backwarenindustrie. Aber auch Süßwaren, Zucker und Gewürzmischungen werden mit den Apparaturen von Zeppelin Reimelt aufbereitet und gefördert.

Hochleistungsanlagen für die Lebensmittelindustrie

In den Produktionshallen des seit 2009 zum Zeppelinkonzern aus Friedrichshafen gehörenden Unternehmens lässt sich kaum erahnen, dass hier Hochleistungsanlagen für die Lebensmittelindustrie zusammengeschweißt, gebohrt oder gefräst werden. Wer bei Burger King zubeißt, verschluckt mit hoher Wahrscheinlichkeit Weißbrot, dessen technische Ursprünge auf die unscheinbare Urberacher Fabrik zurückgehen. Auch Wrigley, Ferrero, Kamps, Mars und Nestle verlassen sich auf deren Technik.

Während die Fertigungshallen eher aus den Urberacher Ursprüngen des Unternehmens stammen - Reimelt wurde 1893 in Leipzig gegründet, zog nach dem Krieg nach Frankfurt und kam dann 1959 in den Kreis Offenbach - , glänzt ganz in der Nähe die Fassade des gerade Ende Juni eingeweihten Technologiezentrums. 2,6 Millionen Euro kostete das Prachtstück und soll Zeppelin Reimelt dabei helfen, seinen Kunden zu demonstrieren, wie eine Anlage der Urberacher funktioniert. „Ein unübersehbarer Meilenstein“, schwärmt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Bernhard Scherer.

Dass auf dem Werksgelände so wenig an Fabrik oder Fließbandarbeit erinnert, liegt daran, dass hier mit großer Präzision die Maschinen in Einzelteilen gefertigt werden. Der Aufbau erfolgt erst beim Kunden. Geschäftsführer Hans-Jürgen Sussann bringt die Dimensionen ins Spiel: „Förderstrecken unserer Anlagen können bis zu 400 Meter lang werden. Im Extremfall umfasst eine Nahrungsmittelanlage 500 Meter Länge und 200 Meter Breite.“ Das ließe sich aus Platz- und Kostengründen nicht einfach so zum Test aufbauen, sondern erst beim Kunden, ergänzt Scherer. Der Ernstfall ist der Normalfall: „Das ist unsere große Ingenieurskunst.“

6000 verschiedene Arten von Einzelteilen

Durchaus beeindruckend: In den Werkshallen werden 6000 verschiedene Arten von Einzelteilen gefertigt. Mehr als 2000 unterschiedliche Varianten von Pratzen, Blechen oder auch ausgeschnittenen Formen können mit der neuen Laserschneidemaschine produziert werden. Aus vielen Hunderten Einzelteilen vom Trichter mit 2,20 Meter Durchmesser bis zu wenige Zentimeter großen Elementen besteht nachher die komplette Anlage. Während manches Produkt aus Urberach bereits für 10.000 Euro zu haben ist, werden in der Spitze für eine einzelne Großanlage bis zu 20 Millionen Euro überwiesen.

Insgesamt legt Zeppelin Reimelt großen Wert auf eine hohe Fertigungstiefe. So viele Teile wie möglich sollen im eigenen Haus produziert werden. „Die Schlüsselkomponenten machen wir selbst“, sagt Sussann. Allerdings sind die Urberacher kein klassischer Produktionsbetrieb. „Wir fühlen uns als Ingenieurfirma mit eigener Produktion“, ergänzt Scherer. Von den 350 Mitarbeitern am Standort Urberach entfallen gerade einmal 90 auf die Fertigung. Das Gros machen die Ingenieure aus.

Die Zeiten der Beinahe-Insolvenz sind passé

Für das Stammwerk Urberach stehen die Zeichen derzeit eher auf Wachstum. Die Zeiten der Beinahe-Insolvenz der alten Reimelt GmbH aus dem Jahr 2000 mit anschließender, langer Ägide einiger Finanzinvestoren sind passé. Die beiden Geschäftsführer können sich einen Stellenzuwachs im Steuerungsbau und bei der Qualitätssicherung gut vorstellen. Doch dazu müssen die Zahlen stimmen. In diesem Jahr soll der Umsatz bei 75 Millionen Euro liegen. Aus der Friedrichshafener Konzernzentrale kommt die Vorgabe, den Umsatz innerhalb von fünf Jahren auf 140 Millionen Euro herauf zu katapultieren. Nach roten Zahlen im Vorjahr - aus Restrukturierungsgründen - ist für dieses Jahr ein Gewinn fest eingeplant.

Die Aussichten stehen nicht schlecht. Die Weltbevölkerung wächst derzeit dramatisch und die sechs Milliarden Menschen brauchen alle Nahrung. „In Asien ersetzen inzwischen zunehmend Backwaren die traditionelle Reisnahrung“, zeigt sich Sussann optimistisch. Begehrt seien Brot und Brötchen auch in den arabischen Ländern. Neben Brasilien, China, Deutschland und den USA fertigt Zeppelin Reimelt ebenfalls in Saudi-Arabien.

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