Fuchs, Philosoph und Verfassungspatriot

Lockeres „Prost!“ am Ende eines langen Abends: Werner Mühling (3. von rechts) und Rudi Reichenbach (rechts), zwei Wegbegleiter aus Roland Kerns außerparlamentarischen Oppositionsjahren, hatten Vogelhäuschen geschreinert: ein dreistöckiges für den scheidenden Bürgermeister, ein zweistöckiges für Nachfolger Jörg Rotter und ein einstöckiges für die neue Erste Stadträtin Andrea Schülner. Alle Dächer hatten Aussparungen für eine Tränke. Ob die Piepmätze aber auch Wein bekommen wie die Bastler und die Beschenkten? Foto: Löw

Der Wachwechsel an der Stadtspitze nächste Woche betrifft eigentlich drei Personen. Doch 600 Augenpaare richten sich am Mittwochabend in der Kulturhalle fast nur auf den künftigen Ex-Bürgermeister Roland Kern. VON MICHAEL LÖW

Ober-Roden – Kurz nach halb elf am Mittwochabend lehnt sich Rödermarks noch amtierender Bürgermeister Roland Kern in den grünen Sessel zurück, von dem aus schon Karl Martin Rebel und Alfons Maurer die Stadt regiert hatten. Sein Nachfolger Jörg Rotter hat ihn als Abschiedsgeschenk auf die Bühne der Kulturhalle rollen lassen: „Aber nicht, dass du denkst, Grün soll aus dem Rathaus raus!“

Nein – Grün bleibt der Verwaltungsspitze erhalten. Nicht nur in Person der neuen Ersten Stadträtin Andrea Schülner, sondern auch als Roland Kerns politisches Erbe. Die von ihm angestoßene „umfassende Liberalisierung der Stadtgesellschaft ist nicht mehr zurückzudrehen“, lobt der AL-Fraktionsvorsitzende Stefan Gerl seinen Partei- und persönlichen Freund, einen „Verfassungspatrioten“ und einen „Maulwurf der Demokratie“. Roland Kern hinterlasse nach drei gewonnenen Direktwahlen und 14 Amtsjahren ein „sozial-, finanz- und auch umweltpolitisch wohlgeordnetes Gemeinwesen“.

Lob von der eigenen Partei ist bei einer Verabschiedung die normalste Sache der Welt. Aber auch Landtagsvizepräsident Frank Lortz (CDU) würdigt die „jahrzehntelange gute, freundliche Zusammenarbeit“. Er kennt Roland Kern, seit der 1982 für die Grünen ins Hessen-Parlament einzog. Beide Parteien waren erbitterte Gegner.

Landrat Oliver Quilling verabschiedet Roland Kern an diesem Abend „mit Wehmut“ aus Amt und Bürgermeister-Dienstversammlung. Unterschiedliche Parteibücher hätten in dieser Runde nie eine Rolle gespielt.

Der „jahrelange Anführer der Kern-Gegner“ zollt seinem Kontrahenten großen Respekt. „Roland Kern ist ein Fuchs, ein Philosoph und ein politischer Visionär, der auf die Kraft der Argumente setzt“, sagt Michael Gensert, der Vorsitzende der CDU-Fraktion. Die warf dem grünen Bürgermeister Knüppel zwischen die Beine, wo immer es ging – bis 2011 der schwarz-grüne Koalitionsvertrag unterschrieben wurde. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft wurde ein von großem gegenseitigen Vertrauen geprägtes Bündnis, das unter anderem den Flüchtlingszustrom 2015/2016 und die von einschneidenden Maßnahmen begleitete Haushaltskonsolidierung nahezu reibungslos bewältigte. Auch diese Koalition bleibt nach Kerns Ruhestand über Jahre ein grünes Element in der Rödermärker Politik.

SPD-Mann Norbert Schultheis erinnert zunächst launig an den „gelockten, langhaarigen Revoluzzer“ aus den frühen Achtzigern, der dem „damaligen Bürgermeister manche schlaflose Nacht beschert hat“. Dass die Ehrenbürgermeister Walter Faust und Alfons Maurer ebenfalls im Saal sind, zeigt den Respekt, den sich Roland Kern erworben hat. Schultheis schlägt aber auch sehr nachdenkliche Töne an und beklagt die „Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahlrecht“.

Roland Kern ist 2005 Bürgermeister geworden, weil sich die CDU verzockt hat, stichelt Peter Schröder von den Freien Wählern. Die Partei und Alfons Maurer hofften seinerzeit, durch vorgezogene Wahlen Alexander Sturm an die Spitze der Verwaltung zu bringen. Die war dann aber 14 Jahre grün und nicht schwarz.

Mit dem FDP-Fraktionsvorsitzenden Tobias Kruger beendet ein weiterer bekennender Kern-Kritiker die Abschiedsreden der Kommunalpolitiker. Doch auch er bleibt dem Anlass entsprechend brav: „Dreimal direkt gewählt heißt, objektiv einiges richtig gemacht zu haben.“

Und was sagt der 71-jährige Neu-Pensionär an einem solchen Abend? Er dankt bewegt Bürgern, Politikern und den vielen Ehrenamtlichen aus Vereinen, Kirchen und Quartiersgruppen: „Der Erfolg hat viele Väter!“ Der neuen Doppelspitze gibt er einen Rat: „Habt Mut und lasst euch nicht einschüchtern von den ewigen Pessimisten und Populisten!“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare