Besondere Räume:

Rödermark: Das Archiv im Keller der Halle Urberach ist Gedächtnis der Stadt

Archivar  Dr. Rüdiger E. Böhle zwischen den Regalen des  Stadtarchivs im Keller der Halle Urberach in Rödermark.
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Rödermark: Im Labyrinth der Akten: Dr. Rüdiger E. Böhle kümmert sich bereits seit fast 20 Jahren um das Stadtarchiv im Keller der Halle Urberach.

Nicht jeder Raum in einem öffentlichen Gebäude ist auch öffentlich zugänglich oder der Allgemeinheit bekannt. Aber es gibt auch Räume in Rödermark, in denen viele Leute ein- und ausgehen, ohne zu wissen, was ihr Name bedeutet oder welche Funktion sie ursprünglich hatten. In unserer Serie blicken wir hinter oft verschlossene Türen.

Rödermark - Im „Urberacher Untergrund“, wie Dr. Rüdiger E. Böhle den Keller der Halle Urberach scherzhaft nennt, befindet sich das Stadtarchiv. Neben der Kegelbahn lagern viele unspektakuläre Dokumente, aber auch einige echte Raritäten.

„Das ist eine tolle Geschichte“, meint Böhle, der sich seit rund 20 Jahren um das Archiv kümmert. Und holt eine Polizeiakte aus dem Jahr 1735 hervor, die den Leser schmunzeln lässt. Eine Ober-Röder Witwe bewirtschaftete damals mit ihrem Sohn einen Bauernhof. Der junge Mann sollte zum Militär eingezogen werden. Die Mutter protestierte energisch, da der Hof ohne seine Arbeitskraft am Ende gewesen wäre. Trotzdem wurde der Sohn von der Polizei abgeholt. Mit der Mistgabel bewaffnet mischte die Mutter anschließend die Wache ordentlich auf. Letztlich mit Erfolg: Die Frau habe zwar Ärger bekommen, der Sohn aber sei von der Landesregierung vom Militärdienst freigestellt worden, berichtet Rüdiger E. Böhle. Die Polizeiakte ist das älteste Dokument im Stadtarchiv. Eine Heiratsurkunde aus dem Jahr 1807 oder ein Rechnungsbuch aus Waldacker, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, sind weitere Altertümer.

Der damalige Bürgermeister Alfons Maurer hatte Rüdiger E. Böhle vor bald 20 Jahren die Aufgabe angetragen, sich um das Archiv zu kümmern. „Mittlerweile ist es mein Kind geworden“, sagt Böhle, der in der Regel zweimal pro Woche im drei Räume umfassenden Stadtarchiv arbeitet. Der Philosoph, der viele Jahre im alten Ober-Röder Forsthaus lebte und mit der Stadt in vielfältiger Weise, unter anderem bei Vortragsreihen, zusammenarbeitete, ist gerne im Labyrinth der Akten tätig.

Die Frage, warum er sich, obwohl schon einige Jahre im Pensionsalter, weiterhin um das Archiv kümmere, werde ihm von Seiten der Familie durchaus mal gestellt. Böhle, der mittlerweile in Weiterstadt wohnt, sieht die Arbeit aber als willkommene Abwechslung zu seiner sonstigen Tätigkeit. „Wenn ich das hier mache, dann ist das so richtig - bitte jetzt nicht falsch verstehen - profane, handwerkliche Arbeit. Da gibt es kein Problem, keine hohe Metaphysik, das ist für mich Erholung“, meint der archivierende Philosoph schmunzelnd. „Das ist Bodenhaftung.“

Bei der Archivarbeit sind eher selten die eingangs erwähnten kuriosen Stücke Thema. Alltag ist da schon eher, dass Anfragen der Rentenversicherung bearbeitet, oder für eine Revision benötigte ältere Akten herausgesucht werden müssen. Da kann Rüdiger E. Böhle, der in seinem Computer genau abgespeichert hat, in welchem der unzähligen Archivkästen das Material abgelegt ist, schnell helfen. Was länger dauert und aufwendiger ist, sind Fragen zu Erbschaftsangelegenheiten.

Neben Akten aus der Stadtverwaltung werden unter anderem Amtsbücher, Urkunden, Fotos, Karten, Pläne, Bürgermeisterreden, Sitzungsunterlagen, Verträge und Veröffentlichungen zu Rödermark aufbewahrt. Das sind nur einige der Beispiele des Materials, das die Stadt im Keller der Halle Urberach verwahrt. Alles unter Berücksichtigung der achtseitigen Satzung der Stadt Rödermark zu den Aufgaben: „Archivwürdig sind Unterlagen, die für die Erforschung und das Verständnis von Geschichte und Gegenwart von bleibendem Wert sind oder die zur Rechtswahrung sowie auf Grund von Rechtsvorschriften dauernd aufzubewahren sind.“

Viele Dokumente – Rechnungen zum Beispiel – haben eine Mindestaufbewahrungsdauer. Die einzelnen Abteilungen der Stadt geben Unterlagen meist nach einiger Zeit - noch vor Ende der Aufbewahrungsdauer - ins Archiv. Sind die gesetzlichen Pflichten dann erfüllt, werden bestimmte Unterlagen trotzdem nicht vernichtet. Rüdiger E. Böhle schlüpft dann in die Rolle des Historikers und stellt sich unter anderem die Frage, ob die Papiere in 500 Jahren eine Aussage über unsere Zeit treffen. „Wenn ich daraus entnehmen kann, wie die Menschen hier gelebt, gedacht, empfunden haben, dann behalten wir das“, schildert Böhle die Auswahlkriterien. Platzprobleme sind im Stadtarchiv übrigens erst einmal nicht zu erwarten. Da in der Finanzverwaltung einige Daten mittlerweile nur noch in digitaler Form aufbewahrt werden müssen, wird das Archiv räumlich entlastet. (Von Sascha Eyssen)

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