Vierbeiner werden zu Eisbrechern

Heilsame Streicheleinheit: Tierbesuche helfen dementen Heimbewohnern

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Wohltunende Nähe: Schon beim zweiten Besuch von Nicole Jäger mit ihren Therapiebegleithunden Elli und Milka in der Gruppe Mohn des Altenpflegeheims Haus Morija herrschte spürbare Freude bei den meist betagten und an Demenz erkrankten Bewohnern.

Ober-Roden – Wie Tiere im Pflegeheim zu Türöffnern und Eisbrechern werden können, beweist gerade eine Maßnahme, die der „ProMorija Freundeskreis e. V. “ im Alten- und Pflegeheim Haus Morija initiiert hat, begleitet und für die finanzielle Absicherung sorgt. Von Christine Ziesecke  

Zuwendung, in welcher Form auch immer, braucht jeder Mensch – ganz besonders aber Menschen, die aufgrund ihrer Demenzerkrankung in ihrer eigenen Welt leben. Sie kann von vertrauten Familienmitgliedern oder von gewohnten Betreuern geleistet werden. Zuwendung kann aber nach vielen positiven Erfahrungen auch von Tieren oder sogar von künstlichen Wesen wie etwa Pflege- oder Spiel-Robotern kommen.

Die Erfahrungen sind sehr positiv, die Erkrankten reagieren mit teils lange Zeit nicht mehr gezeigter Interaktion. Im Altenpflegeheim Haus Morija und hier speziell in der Wohngruppe Mohn, der Gruppe mit dementen Bewohnern, wird nun dank der Unterstützung des ProMorija Freundeskreises eine Therapie der „tiergestützten Intervention“ genutzt, um Bewohner durch Erinnerungen und Zuwendung zeitweise aus ihrer Isolation zu holen.

Therapeutin ist Nicole Jäger, im oberhessischen Diakoniezentrum Laubach in den ambulanten Diensten und in der Altenpflege beschäftigt mit einer mehrjährigen Weiterbildung zur Therapeutin. Mit dabei sind ihre Therapiebegleithunde, die eineinhalbjährige „Golden-Dudel“-Dame Elli sowie der siebenjährige Chiwawa Milka. Im Gegensatz zu den „Besuchshunden“, die ebenso stundenweise Menschen in Heimen oder Wohngruppen besuchen, sind diese Hunde ausgebildet und werden von der Therapeutin gezielt nach einem schrittweise erarbeiteten Therapieplan eingesetzt. Die Vierbeiner müssen offen, menschenfreundlich und wesensfest, vor allem aber geduldig sein, denn was sie in ihrer Aufgabe erwartet, kann schon herausfordernd werden.

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Derzeit kommt Nicole Jäger – zumindest bis einschließlich Januar gesichert – einmal monatlich für rund drei Stunden ins Haus Morija. Nach Abklärung der Patientendaten und Gesundheitsstände kommen erst alle Gruppenbewohner im Wohnzimmer oder im Aufenthaltsraum in den Genuss des vierbeinigen Besuches. Danach werden zwei oder drei Bewohner im Wechsel in ihren Zimmern besucht. Reagieren sie abweisend, wird eine schrittweise Annäherung versucht, aber auch bei entsprechenden Reaktionen abgebrochen. Ansonsten wird der Kontakt im Bett oder im Sessel ermöglicht.

„Das ist für mich eine intensive Zeit, denn ich muss sowohl den Bewohner wie auch meinen Hund genau im Auge haben und zugleich meinen Therapieansatz nicht vergessen“, beschreibt es Nicole Jäger. Hunde und Therapeutin sind auch mal beim Mittagessen dabei. Zeit und Ruhe sind wichtige Faktoren der Therapie.

Die Erfahrungen oder tatsächlich die Erfolge sind „überwältigend“, wie es das Pflegepersonal und allen voran Heimleiterin Sr. Sibylle Heiß selbst völlig verblüfft feststellt. „Ein langjähriger Bewohner, der wirklich überhaupt nicht mehr spricht, hat plötzlich im Beisein der Hunde ganze Sätze gesprochen. Das ist etwas, das ich noch nie erlebt habe.“

Der Bewohner erzählte, dass er früher selbst Schutzhunde ausgebildet habe. „Die waren aber nicht für die Therapie geeignet.“

Mehr als 1000 Worte sagt dieses Bild. Der Kontakt mit dem Hund wird zum Glücksmoment.

Auf anderer Ebene, aber ebenso erfreulich etwa waren schon beim ersten Hundebesuch die Reaktionen zweier ansonsten sehr verhalten reagierender Bewohnerinnen, die sich nicht nur den Tieren annäherten, sondern auch untereinander über die Hunde ins Gespräch kamen – wohl zum ersten Mal. Beim zweiten Therapiebesuch saßen sie denn auch beide nebeneinander schon erwartungsfroh auf dem großen Wohnzimmersofa und nahmen mit großen strahlenden Augen sofort die kleine Mika auf den Schoß.

Nicht möglich wäre dieser in seinen Auswirkungen deutlich spürbare Therapieansatz ohne Sponsoren: „Wir nehmen dafür keineswegs unsere Mitgliedsbeiträge oder allgemeine Spenden her, sondern nur gezielt dafür gesammelte Spenden“, erläutert ProMorija-Vorsitzender Hans Hedtke. Er ist der Sparda-Bank Hessen umso dankbarer, die den Freundeskreis seit Jahren regelmäßig unterstützt, jetzt aber ganz gezielt 2500 Euro als Anschubfinanzierung für die tiergestützte Intervention bereitstellt.

„Ich finde es klasse, dass der ProMorija Freundeskreis diesen erfolgreichen Therapieansatz ermöglicht. Angesichts dessen, dass sich die vierbeinigen Helfer dabei ebenso ‚pudelwohl’ fühlen, unterstützen wir hier sehr gerne“, erläuterte Patrick Georg, Filialleiter in Offenbach, bei einem Besuch im Haus Morija.

Kontakt: www.promorija.de. Auch die notwendigen Daten für Spenden zum Projekt finden sich dort.

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