Von Heizern und Lokführern

Spannende Anekdoten bereichern Laternenzug durch Ober-Roden

Die unterschiedlichsten Laternen machten dem Laternenzug durch Ober-Roden alle Ehre. Fotos: ziesecke

Spannende Anekdoten haben den Laternenzug durch Ober-Roden bereichert. 130 Menschen nahmen teil.

Ober-Roden – Winterliche Kälte beherrschte den jüngsten Laternenrundgang, zu dem IGOR, die Interessengemeinschaft für einen lebens- und liebenswerten Ortskern Ober-Roden, eingeladen hatte. Das hinderte aber niemanden mitzugehen. Gut 130 Menschen in dicken Jacken, mit Mützen, Schals und Handschuhen ausgerüstet, und sogar ein Hund im Wintermäntelchen und mit unübersehbarem Blinklicht warteten am Bahnhof, bis IGOR-Sprecher Ernst Schäck die Eisenbahngeschichte samt der Entstehung des Bahnhofsgebäudes in Ober-Roden historisch zurückverfolgte.

Mit dabei waren viele Laternen jeder Bauart und jeder Größe, bis hin zur riesigen gusseisernen Ampel, die Stefan Hornung kurz zuvor aus dem Abfallcontainer am Bauhof gerettet und liebevoll aufgearbeitet hatte.

Vor 123 Jahren war Ober-Roden an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden. 20 Jahre etwa hatte es zuvor gedauert, bis sich die Gemeinden im Rodgau und die privaten Bahnbetreiber auf die Modalitäten geeinigt hatten. Deutschlandweit hatte die Eisenbahn etwa zwischen 1840 und 1880 ihre ersten Gleise verlegt – von Ernst Schäck auch mit humorvollen Mundarttexten von Friedrich Stoltze belegt.

Hinter dem Bahnhofsgebäude, das über die ersten Jahre nach Bedarf schrittweise erweitert wurde, ging es vorbei an wartenden S-Bahn-Zügen und an den Resten des alten Stellwerks (einst „Ober-Roden Süd“ und „... Nord“) über die allseits bekannten Fußwege hin zur teilweise diesen Eisenbahnwagen nachempfundenen Kulturhalle, wo Ernst Schäck auch Fotos von den alten Anlagen zeigte.

Dass die Wochenkarte früher 3,40 Mark kostete und viele Arbeiter deshalb lieber mit dem Rad nach Offenbach fuhren oder liefen, und dass es anfangs je zwei Züge morgens und abends waren, die schließlich in der Blütezeit auf zehn Gleisanlagen mit 31 Weichen ausgebaut wurden – die Teilnehmer hörten viel Wissenswertes. Zum Beispiel auch, dass zwischen 5 und 7 Uhr morgens 27 Züge abgefertigt wurden, etwa alle vier Minuten ein Zug. Da staunte mancher Zuhörer.

Zu jener Zeit hatte die Bahn hier aber auch 80 bis 90 Mitarbeiter, streng nach Aufgaben getrennt. Und das sogar beim Wohnen – etwa Lokführer und Heizer. Die führenden Positionen besetzten damals die eigens neu zugezogenen Protestanten, und gepöbelt wurde auch damals schon – und mit Strafe belegt.

An der Nazariuskirche – und dann spontan aufgrund der recht frostigen Temperaturen in den Rodgaudom verlagert – wartete Pfarrer Elmar Jung mit dem zweiten Thema auf: den verschiedenen Ausbaustufen der Kirche und der Geschichte jener Vorfahren, die auf dem früheren kirchenumgebenden Friedhof begraben wurden.

Vom „steinernen Sarkophag“ wusste er ebenso zu erzählen, der bei den Ausgrabungen mit zahlreichen Knochenfunden entdeckt wurde, die jetzt hinter der Chorapsis beigesetzt wurden, wie auch von den Klosterfrauen des damaligen (vermuteten) Klosters, die hier eigens einen Friedhof bekommen hatten. „Und die Steine im Mittelgang der alten Kirche waren besonders ausgetreten – es war wohl schon damals eine besonders lebendige Gemeinde!“ Erstmals bei den mittlerweile zahlreichen Rundgängen führte Pfarrer Jung außen um die Mauern der Nazariuskirche. Dort erläuterte Pfarrer Jung auch jene Pläne, die derzeit in verschiedenen Gremien geprüft werden: „Ideen, mit diesem Hügel mehr zu machen, die Mauern einfach wegzumachen, damit dieser Kirchgarten als kommunikativer Treffpunkt genutzt werden kann!“

Er erläuterte: „Warum sollten wir diesen Raum nicht öffnen, dass er zu einem Ort werden kann, wo Menschen sich hinsetzen, sich erholen, erzählen können? Öffnung der Kirche für alle heißt auch, etwa noch mehr Schautafeln anzubringen rund um diese Schätze, die seit Hunderten von Jahren ihre Bedeutung haben.“

Sichtbar soll dabei auch der Grundriss der einstigen Kirche gemacht werden: „Wollen wir den nicht vergessen, müssen wir ihn sichtbar machen!“ Es werde alles noch seine Zeit dauern, aber „lassen Sie uns darüber reden!“

Am Marktbrunnen schließlich endete der Laternenzug, den kaum jemand vorzeitig verlassen hatte, mit lebendigen Erinnerungen von Patricia Lips, der Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins Rödermark, an Ober-Rodens Gasthäuser.

Jene 23, die es allein bis zum 2. Weltkrieg gab (davon allein sieben südlich des Bahnübergangs), waren fast alle in Familienhand, wenn auch großteils als Nebenerwerb, weshalb sie im Laufe der Jahre durchweg verschwanden. Einzige Ausnahme ist heute noch der „Mortsche“, mit eigentlichem Namen „Goldener Löwe“, der noch immer im Besitz der Familie Schrod ist.

Bei Glühwein und von IGOR-Mitgliedern selbst gebackenen „Rundlingen“ und bei interessanten Gesprächen und Rückfragen zu den vielen Informationen ging der Laternenzug am Marktbrunnen gesellig zu Ende.    

chz

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