Über 200 Retter simulieren gewaltiges Explosionsunglück

Hilfeschreie aus dem Stahlcontainer

In einem Container haben die Helfer eine schwer verletzte junge Frau gefunden und sehr vorsichtig mit einer Klapptrage herausgehoben.
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In einem Container haben die Helfer eine schwer verletzte junge Frau gefunden und sehr vorsichtig mit einer Klapptrage herausgehoben.

Urberach - Bei der seit Jahren größten Katastrophenschutzübung trainierten rund 225 meist freiwillige Feuerwehrleute und Sanitäter die Zusammenarbeit nach einer Explosion mit Dutzenden von Opfern. Die Helfer kamen aus dem halben Kreis Offenbach und aus Dieburg.

Es war ein wirklich furchterregendes Szenario, das sich Spaziergängern bot, die am Sonntagmittag zwischen Badehaus und Oberwiesenweg unterwegs waren: schreiende, blutende Menschen; eine schier unüberschaubare Menge an Blaulichtern, die von Feuerwehrfahrzeugen und Rettungsdiensten aus dem ganzen Umkreis herrührten; dazu dicker grauer Qualm über dem Perlite-Gelände und über der Berufsakademie Rhein-Main. Nicht umsonst hatten die Rödermärker Wehren über die Presse gewarnt: „Nicht erschrecken!“ Das Mega-Unglück war nur eine Katastrophenschutzübung.

Auf dem Sammelplatz vor der Berufsakademie wurden die 35 „Opfer“ mit ihren oft schweren Verletzungen erstversorgt, eingeteilt und in die Feuerwache Ober-Roden gebracht. Erst nach der fachgerechten Übergabe dort wurden sie aus ihrer Rolle befreit.

Unter der Leitung von Lukas Hallmann und Dieter Rumpf, beide von der Wehr in Urberach, fanden die aus Rödermark, Offenthal, Langen, Dietzenbach, Rodgau und Neu-Isenburg herbeigerufenen Einssatzteams nach der Alarmmeldung Großbrand mit Menschenleben in Gefahr folgende Lage vor: Auf dem Industriegelände hatte sich eine Explosion ereignet, das Feuer drohte auf weitere Gebäude überzugreifen. Etliche Opfer waren unter umstürzenden Wänden und zwischen Containern eingeklemmt und durch herumfliegende Gegenstände böse verletzt. Das Areal war groß und nur schrittweise überschaubar; die Kräfte der Wehren, der Johanniter-Unfallhilfe (JUH), des Malteser-Dienstes, der Rettungsdienstschule des Kreises sowie spezieller Atemschutzstaffeln aus Neu-Isenburg und des Kreises waren unvorbereitet, um realistisch arbeiten zu können.

Nur eine kleine Truppe von acht Insidern hatte die Übung seit Oktober 2017 schrittweise vorbereitet. Besonderen Wert hatten die Organisatoren auf möglichst echt agierende „Verletzte“ gelegt: Gemeinsam mit Mitgliedern der Feuerwehr und der Jugendwehr und von Edith-Stein-Schülern hatte die Mimengruppe der JUH ganze Arbeit geleistet und wahre Wunderwerke an Wunden gezaubert. Dazu gaben die Opfer wirklich ihr Bestes an Glaubwürdigkeit bis hin zum stundenlang schreienden jungen Mann, der sich die Ohren wegen eines Knalltraums zuhielt, oder der amputationsreifen Oberschenkelverletzung einer jungen Frau. Erst nach ihrem Abtransport in die Wache Ober-Roden und der Übergabe an weitere medizinische Helfer waren die Mimen von ihrem stundenlangen Leiden befreit.

Ein eher seltener Glücksfall ermöglichte diese größte gemeinsame Übung vieler Rettungseinheiten seit Jahren. Das ehemalige Dämmstoffwerk Perlite direkt hinterm Märktezentrum ist eine große Industriebrache, deren Eigentümer seine Zustimmung ebenso gab wie die Berufsakademie Rhein-Main, die gleich noch in die Übung einbezogen wurde, innen wie außen.

Katastrophenschutzübung in Urberach: Bilder

Ohne schwere Atemschutzausrüstung konnte nach der Explosion auf dem Perlite-Gelände kein Feuerwehrmitglied in die stark verqualmte Halle vordringen. Und immer schauten Kontrolleure den Einsatzkräften über die Schulter.

Fahrzeuge für die Crash-Übungen lieferte die Firma Murmann; Karlo Geis half mit seinem Teleskoplader bei den vielen Zulieferungsarbeiten. Schalungselemente für vermeintlich eingestürzte Innenwände lieferte die Firma Ulma – alles Vorarbeiten und Materialien, die den Zaungästen, die dem Szenario in gebührendem Abstand zuschauten, gar nicht auffielen. Dazu kommt die gute Zusammenarbeit der Wehren und Rettungsdienste untereinander. So stellte die Feuerwehr Ober-Roden ihre Wache sowohl für die gesamten Vorarbeiten wie auch für die Nachversorgung der „Opfer“, für Besprechungen und für die Verpflegung am Einsatztag zur Verfügung. Denn das Urberacher Feuerwehrhaus kann aufgrund des Umbaus nicht genutzt werden.

43 Einsatzfahrzeuge (23 von den Wehren, 22 vom Rettungsdienst), 35 Mimen, 160 Einsatzkräfte vor Ort, etliche Helfer im Hintergrund – das sind insgesamt rund 225 Beteiligte, die in ihrer Freizeit schwer gearbeitet haben, um auch für ein Unglück dieser Dimension gerüstet zu sein. Die Großübung, mit der alle Beteiligten – vor allem rund um die Zusammenarbeit – sehr zufrieden waren, hat viele weitere Anregungen für die Zukunft gebracht. (chz)

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