Trauben in der Pfarrgasse

Zum Keltern zu sauer, aber gut für Schnaps

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Von der Hauswand in den Eimer, vom Eimer in die Maischewanne, dann in Klaus Wolfs Keller.

Ober-Roden - Was stellt man in einer Apfelweingegend mit mehreren Zentnern Trauben an? Pfarrer Elmar Jung keltert schon eine Weile keinen Wein mehr – der schmeckte immer ein wenig zu sauer. Von Christine Ziesecke 

Aber Hochprozentiges lässt sich auch aus Trauben brennen, die an Ober-Röder Fachwerk wuchsen. Seit einiger Zeit ist es guter Brauch: Die Trauben, die der einzige, aber kräftige, knorrige und inzwischen gut 100 Jahre alte Weinstock an der Außenmauer des „Dinjerhofs“ in der Pfarrgasse trägt, darf „der Parr’“ ernten, um daraus „Elmar’s Traube-Geist“ zu brennen. Die ersten drei Jahre waren es Weine mit kräftigem Muskat-Geschmack, die St. Nazarius-Pfarrer Elmar Jung aus Wilhelm Schönebergers Trauben gemeinsam mit jenen aus seinem Garten gewann. Da diese Weine aber kein allzu edles Bukett hatten, ist es inzwischen zum sechsten Mal klarer Traubenbrand und Likör, zu dem die Beeren werden.

Das ist der Weg der Trauben vom „Dinjerhof“ zum Edelbrand „Parrer’s Bester“.  

Nachdem sogar in der französischen Champagne seit Montag geerntet wird und die Lese an Mosel und Main schon länger dauert, wurde es auch für die Reben am „Dinjerhof“ höchste Zeit: Pfarrer Elmar Jung hatte mit den Ministranten Johannes Fuchs und Jonas Dinges zwei Edelhelfer samt Leiter und leeren Eimern mitgebracht, und Wilhelm Schöneberger half von innen nach.
Eimer um Eimer füllten sich mit den ungewöhnlich großen schwer hängenden Trauben voll süßer Beeren, zeitweise bestaunt von Kindern und Müttern auf ihrem Heimweg aus der Kita St. Nazarius. Pfarrer Jung freut sich über die reichliche Ernte; er kommt aus dem Gebiet Alzey und damit aus einem Weinanbaugebiet. Schon als Kind half er bei der Lese mit. Lang hat’s allerdings gedauert, bis die erste Ober-Röder Traube zu Wein wurde.

Dritter Helfer und der Mann für alles Weitere nach der Lese ist Klaus Wolf, Bruder des Weinhändlers Wolf und über seine Großwallstädter Frau, deren Familie einen Weinberg bewirtschaftet, familiär mit dem Thema verbandelt. Nach dem Maischen, bei dem die Beeren nach der Lese durch heftiges Treten in (sauberen) Gummistiefeln in einer kleinen Wanne grob entsaftet werden, nimmt Klaus Wolf diese Flüssigkeit in einem kleinen Fass mit nach Hause. Dort wird es drei Wochen gelagert, ehe es nach Darmstadt oder Reinheim gebracht wird. In der Brennerei wird der gesamte Ertrag gewogen, die Öchslezahl gemessen und schließlich die Branntweinsteuer entrichtet.

Bilder zur Weinlese in Ober-Roden

„In den letzten Jahren waren es rund 100 Liter Maische, die ich im Anhänger nach Darmstadt gefahren habe“, erinnert sich Klaus Wolf, „aber in diesem Jahr wird es wohl deutlich mehr werden.“ Und das schon deshalb, weil Pfarrer Jung und sein Team in der vergangenen Woche bei einer Familie in Urberach ernten durften und demnächst auch noch die Weinstöcke hinterm Pfarrhaus abernten werden. Das sind dann zwar blaue Trauben – aber die Farbe ist beim Edelbrand völlig egal. So wird es wohl spätestens beim nächsten Pfarrfest in St. Nazarius am Fronleichnamstag wieder „dem Parr’ soi Beste“ oder auch „Elmar’s Traube-Geist“ zum Probieren und zum Mitnehmen geben, und das alles sicher zugunsten der kostspieligen Renovierung des in die Jahre gekommenen Kirchendaches.

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