Verwaltung des digitalen Nachlasses

Datensicherheit weit über den Tod hinaus

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Michael Brück (vorne) und Klaus Müller bezeichnen sich auf ihren Visitenkarten als Querdenker und Macher. Dazu passt auch ihre Geschäftsidee: Datensicherheit über den Tod hinaus.

Ober-Roden - Mehr oder minder sichere Passwörter und Codes machen den Weg in die Online-Welt frei. Von Michael Löw

Aber was passiert, wenn der Kontoinhaber stirbt oder nach einem Schlaganfall keinen Zugriff auf diese Daten mehr hat? Zwei Ober-Röder IT-Spezialisten haben den sogenannten digitalen Nachlass als Geschäftsmodell entdeckt.

Testament? Vorsorgevollmacht oder Patientenverfügung? Klar, haben wir. Sagen zumindest verantwortungsvolle Menschen, die für schwere Krankheiten oder ihren Tod Vorsorge getroffen haben. Doch was ist mit ihren Zugangsdaten für Online-Banking, Internet-Einkauf, Facebook, Twitter & Co., E-Mail-Accounts, Fotoclouds, Streamingdienste für Musik, Videos und was es im Netz sonst noch alles gibt? „Da herrscht die Denke ,Nach mir die Sintflut!’ Doch das funktioniert im Digitalzeitalter nicht mehr“, warnt Michael Brück, Geschäftsführer der netzbetreuer GmbH in Ober-Roden.

Zusammen mit „Querdenker und Macher“ Klaus Müller hat er vor knapp zwei Jahren die Firma Somnity ins Leben gerufen und bietet Datensicherheit über den Tod hinaus an: digitale Vorsorge auf einem speziell gesicherten Datenstick.

Denn viele Zugänge und Dokumente sind so elementar, dass Hinterbliebene ohne sie nichts ändern oder kündigen können, oft nicht einmal Informationen bekommen. Sie sind praktisch handlungsunfähig.

Während man im Papierzeitalter noch im guten alten Leitz-Ordner nachschlagen konnte, gestaltet sich das Verwalten des digitalen Nachlasses - sowohl privat als auch geschäftlich - deutlich schwieriger. Müller malt schwarz: „Für Unternehmer ist das unverzichtbar, sonst geht die Firma in die Knie!“

Ein Online-Account ist schnell angelegt. Beim Bezahldienst Paypal reichen drei Mouseclicks zur Anmeldung. Stirbt jedoch der Paypal-Kunde, müssen seine Angehörigen die Sterbeurkunde ins Englische übersetzen lassen und per Post in die USA schicken. Das kostet laut Somnity-Geschäftsführer Brück 170 Euro.

Vorsicht! So werden Sie täglich überwacht

Viel, viel mehr Geld verlor die Familie eines Mannes, der mit Anfang 40 bei einem Motorradunfall starb. Der Mann hatte erfolgreich mit Kryptowährungen spekuliert und ein Konto angelegt, das zu den Hoch-Zeiten dieses digitalen Geldes 400.000 Euro wert war. IT-Spezialist Brück verschaffte der Familie zwar den Blick aufs Online-Sparbuch. Doch Abhebungen waren nicht möglich, weil der Vater die persönlichen TAN-Nummern mit ins Grab genommen hatte. Witwe und Kinder mussten hilflos mit ansehen, wie sich Vermögen entwickelt, ohne über das Geld verfügen zu können.

Die Idee zur postmortalen Datensicherheit hatte Michael Brück vor fünf Jahren: „Damals haben mich die Leute für bekloppt erklärt.“ Trotzdem arbeitete er mit Klaus Müller an dem Projekt weiter, und am 15. Oktober 2016 ging Somnity online. Noch ist’s für die netzbetreuer GmbH nur ein Beigeschäft. Sein Geld verdient das 2004 gegründete Unternehmen mit Software-Entwicklung, IT-Dienstleistungen und Beratung für Kunden wie Lufthansa, Evonik oder die Commerzbank.

Die digitale Vorsorge ist in der Familienversion für 149 Euro zu haben. Der Stick ist mit einem individuellen Datenschlüssel gesichert. „Da kommt bis an den St. Nimmerleinstag kein Unbefugter dran“, verspricht Michael Brück. Einen Teststick habe er Leuten gegeben, „die sich auf der schwarzen Seite der IT auskennen“. Die bissen sich am Somnity-Code die Zähne aus.

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