Liesel Binzer gibt Erinnerungen weiter

Mit sechs Jahren ins KZ verschleppt

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Überlebt im KZ Theresienstadt: Liesel Binzer schilderte gestern im Zeitzeugengespräch von Nell-Breuning-Schule und Stadt drei Jahre Leidensgeschichte

Ober-Roden – Liesel Binzer wurde im Alter von sechs Jahren ins KZ Theresienstadt verschleppt. Sie überlebte den Nazi-Terror und gibt ihre Erinnerungen an nachfolgende Generationen weiter. Gestern tat sie es in der Nell-Breuning-Schule. Von Michael Löw

Stadt und Nell-Breuning-Schule gedachten mit einem Zeitzeugengespräch den sechs Millionen Opfern des Holocaust. Liesel Binzer hat ihn im Konzentrationslager Theresienstadt überlebt. „War es ein Wunder oder Gottes Fügung?“, fragt sich die 82-jährige Jüdin immer noch. Mehr als 150 Zuhörer – meist Schüler – folgten ihren Erzählungen mucksmäuschenstill. Bilder bürgerlicher Wohnzimmer-Idylle ergänzten ihren Vortrag und machten beklommen: Kaum einer der Fotografierten hatte so viel Glück wie Liesel Binzer.

1936 als Liesel Michel in Münster/Westfalen geboren, kann sie ihren Stammbaum als deutsche Jüdin bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Ihr Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg für das Kaiserreich und verlor seine Beine. Lange waren die Michels ganz normale Nachbarn, doch bei der Reichpogromnacht 1938 flogen Steine aus dem braunen Mob in ihre Fenster.

„Wir waren schon vor Theresienstadt verfolgt und ausgegrenzt“, erzählte sie im Nell-Breuning-Saal. Gemeinsam mit 90 Glaubensbrüdern und -schwestern wurden die Michels im Münsterer „Judenhaus“ zusammengepfercht. Am 31. Juli 1942 wurde die sechsjährige Liesel zusammen mit ihren Eltern in einen Viehwaggon gesteckt. Ziel des Transports: das KZ Theresienstadt.

Das Kind trug im Hochsommer zwei Pullover und drei Mäntel übereinander und protestierte. „Das ist, damit du was zum Anziehen hast“, beschied die Mutter das kleine Mädchen. Sie ahnte, wohin die Reise geht und dass der einzige Koffer, den die Familie mitnehmen durfte, ihr wohl bald abgenommen werden würde. Sie sollte Recht behalten. Die Kleider am Leib und der Rollstuhl des versehrten Vaters waren die einzigen Besitztümer, die den Michels blieben.

Im KZ trennten die Wachmannschaften Liesel von ihren Eltern, sie kam ins Kinderheim. Ihre Mutter machte sich durch „kriegswichtige Arbeiten“ unentbehrlich und sicherte damit wahrscheinlich das Überleben ihrer Familie. Denn Behinderte waren meist die Ersten, die Hitlers Schergen umbringen ließen. Jeder Ermordete war aus ihrer Sicht ein unnützer Esser weniger.

Die jüdischen Betreuer im Heim versuchten einen Anschein von normalem Leben aufrecht zu erhalten und brachten ihren Schützlingen Lesen, Rechnen und Schreiben bei. Das war bei Strafe verboten. Immer wenn in der behelfsmäßigen Schule das Trampeln der Nazi-Stiefel zu hören war, mussten Liesel und die anderen Kinder die Hefte verstecken und so tun, als würden sie nichts tun.

Propagandaminister Joseph Goebbels ließ in Theresienstadt einen Film drehen, der der Welt zeigen sollte: Den internierten Juden geht es gut in Deutschland. Liesel Michel musste als Statistin herhalten: Sie saß vor einem Café, auf dem Tisch stand ein Eisbecher. Der war wie der ganze Film Lug und Trug: „Drinnen war nur heiße Luft!“

Je länger der Krieg dauerte, desto leerer wurde das Kinderheim. Liesel Michel hatte Glück und kam zu ihrer hart arbeitenden Mutter. Die meisten Leidensgenossen wurden nach Auschwitz verschleppt und getötet. „1,5 Millionen Kinder wurden einzig aus dem Grund, dass sie Juden waren, ermordet“, fasste die alte Frau das Grauen gestern in Zahlen. Erst als russische Soldaten am 8. Mai 1945 von ihren Panzern herunter Schokolade verteilten, wussten Liesel Michel und ihre Eltern, dass alle Not nun ein Ende hat.

Der Jüdische Friedhof in Berlin

Gleich nach der Befreiung bekam die Neunjährige einen Behelfsausweis. Damit war sie „offiziell am Leben“ und hatte Anspruch auf die kargen Lebensmittelrationen der Nachkriegsjahre. Die Familie kehrte ins Münsterland zurück und wurde in ein Haus einquartiert, aus dem der Bürgermeister „alte Nazis herauskomplimentierte“. Die lebten weitgehend unbehelligt ihr früheres Leben. Scham oder Reue hat Liesel Michel nicht gespürt – im Gegenteil: Die früheren Bewohner verklagten die jüdische Familie auf Herausgabe ihrer Möbel.

Das Verhältnis zu diesen Deutschen und den Überlebenden des Holocaust beschäftigte die Schüler in der anschließenden Fragerunde ebenso wie ganz banale Dinge. Sie wollten zum Beispiel wissen, wie groß die Essensportionen im Kinderheim des KZ Theresienstadt waren.

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