Hessens VBE-Chef Wesselmann wirft Politikern mangelnde Weitsicht vor

Mitunter katastrophale Hygiene an Schulen

Stefan Wesselmann
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Stefan Wesselmann

Stefan Wesselmann ist nicht nur Rektor der Trinkbornschule in Rödermark-Ober-Roden, sondern auch Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung. Wir sprachen mit dem Gewerkschafter über Schule und Corona in ganz Hessen.

Rödermark - Werden Hessens Kinder das neue Schuljahr ohne Wechselunterricht und Homeschooling beenden?

Kultusminister Lorz setzt das einfach als gegeben voraus, der Pädagoge Wesselmann wünscht sich das, dem Gewerkschafter Wesselmann fehlt dazu der Glaube...

Was ist der Grund für Ihren Pessimismus?

Ich habe vor Augen, wie schnell und drastisch sich das Infektionsgeschehen im Herbst entwickelt hat, sodass die Schulen noch wenige Tage vor den Weihnachtsferien komplett geschlossen wurden. Auch jetzt beobachten wir bei den Infektionen ein rasantes Wachstum. Im Gegensatz zum letzten Jahr gibt es nun Impfstoffe und Selbsttests in den Schulen, die die Sicherheit erhöhen. Aber im Gegensatz sind jetzt Kinder und Jugendliche deutlich häufiger betroffen als ältere Menschen. Mir fehlt da das Verständnis, wie in einer solchen Situation einfach vorausgesetzt werden kann, dass es weder Wechsel- noch Distanzunterricht geben wird.

Was hätte in den vergangenen Monaten alles passieren müssen, um einen reibungslosen Schulbetrieb zu gewährleisten?

Das vermutlich größte Problem ist, dass die politischen Akteure grundsätzlich auf Sicht und ohne jeglichen Weitblick fahren. Zu kleine und zu volle Klassenräume, die sich zudem nicht oder nur schlecht lüften lassen, sind immer, aber vor allem in dieser Pandemie, ein Problem. Bei vielen Schulen in Hessen sind die hygienischen Bedingungen an Schulen suboptimal, mitunter sogar katastrophal. Diese Probleme konnten nicht innerhalb von eineinhalb Jahren gelöst werden, aber es wurde ja nicht mal versucht. Selbst bei schnell aufzustellenden mobilen Luftreinigern stellen sich viele Schulträger quer, weil sie die Folgekosten für Wartungen fürchten. Verschärft wird das Ganze durch die deutsche Kleinstaaterei: Der Bund darf sich in die Bildungspolitik der Länder nicht einmischen und nicht selbst in Schulen investieren.

Und was muss auf jeden Fall in nächster Zeit passieren?

Jahrelang wurde um den Digitalpakt gerungen, ein Paradebeispiel für diesen Irrsinn! Das Kooperationsverbot muss fallen. Bund, Länder und Schulträger müssen gemeinsam Sorge tragen für kleinere Lerngruppen in größeren Räumen, bessere Raumluft und Hygiene sowie – nicht nur für den Ernstfall – eine digitale Ausstattung, die diesen Namen auch verdient.

Corona hat Kinder und Lehrkräfte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Stimmen Sie diesem Satz zu? Oder muss er in „…weit über die Grenzen ihrer Belastbarkeit…“ umformuliert werden?

Dem Satz kann ich in jedem Fall zustimmen! Es wirkt sich natürlich auf die Belastbarkeit aus, wenn jemand mehrfach von einer Quarantäne betroffen war, es eine eigene Corona-Erkrankung gab, oder sogar schwere oder tödliche Verläufe in der Familie. Die Wohnsituation sind sehr unterschiedlich und damit auch die Erfahrungen während des harten Lockdowns, ebenso existenzielle Probleme bei Einkommenseinbußen oder gar dem Verlust des Arbeitsplatzes. Bei den Beschäftigten an Schulen kommt es natürlich auch noch auf die räumliche Situation an, wie gut der eigene Schutz im Dienst überhaupt sichergestellt werden kann. Das ist in der Summe sicher bei sehr vielen Kindern und Erwachsenen weit über die Grenzen der Belastbarkeit hinausgegangen.

Das Gespräch führte Michael Löw.

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