Interview: Karlheinz Weber zieht Bilanz von zehn Jahren „Wir sind Breidert“

Mutter aller Quartiersgruppen in Rödermark

Ein Macher, der auf Teamgeist setzt: Karlheinz Weber (Mitte) hat zusammen mit Dieter Müller, Rudolf Borek und weiteren Nachbarn eine sehenswerte Ausstellung über das Breidert organisiert. Corona bremste das Projekt erst einmal aus.
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Rödermark: Ein Macher, der auf Teamgeist setzt: Karlheinz Weber (Mitte) hat zusammen mit Dieter Müller, Rudolf Borek und weiteren Nachbarn eine sehenswerte Ausstellung über das Breidert organisiert. Corona bremste das Projekt erst einmal aus.

Ober-Roden – Die Initiative „Wir sind Breidert“ ist so etwas wie der Vorreiter für alle Rödermärker Quartiersgruppen. Am 21. Januar 2011 gründete sie sich aus einer städtischen Zukunftswerkstatt heraus. Die öffentliche Bücherzelle vorm Ärztehaus oder der liebevoll hergerichtete kleine Festplatz im Wald, das „Braaret-Bernsche“, sind die sichtbarsten Aktivitäten. Vandalismus-Attacken gegen diese Leuchttürme trafen die Breidertianer ins Herz.

Rödermark - Zum zehnten Geburtstag der Initiative „Wir sind Breidert“ sprachen wir mit Karlheinz Weber. Auch wenn er immer bescheiden abwinkt, ist er doch die treibende Kraft, die andere mit sich zieht.

Herzlichen Glückwunsch zum zehnten „Wir sind Breidert“-Geburtstag, Herr Weber. Können Sie diese Zeit zunächst einmal twittergerecht in 140 Buchstaben zusammenfassen?

Viel Arbeit, viele tolle Erlebnisse, aber auch Ärger und Frust. Die Überzeugung, zusammen etwas Werthaltiges geschaffen zu haben, am Ende Stolz und Zufriedenheit dabei gewesen zu sein.

Nun darf es etwas ausführlicher werden. Wie kommt man auf die Idee, in Rödermark mit einem recht regen Vereins- und Kulturleben eine Stadtteil-Initiative zu gründen? Und was hat Ihnen in Ihrer Nachbarschaft gefehlt?

Die Idee ging nicht von uns beziehungsweise mir aus. Sie war das Ergebnis einer Zukunftswerkstatt im Haus Morija, zu der Bürgermeister Roland Kern unter dem Titel „Nachbarschaften im Breidert neu entdecken“ eingeladen hatte. Als größtes Probleme wurde erkannt, dass man sich einfach nicht kannte und wenig bis keinen Kontakt hatte. Mein Schlüsselerlebnis: Neben mir saß ein Mensch mit Namen Gerd Gries. Es stellte sich heraus, dass wir in der gleichen Straße wohnten, Luftlinie 150 Meter entfernt, ich ihn aber noch nie wahrgenommen hatte. Ich wurde sehr nachdenklich und habe zu mir gesagt: Du Karlheinz, Du musst was tun.

Und was wurde daraus?

Am 23. Februar 2011 haben sich einige Leute getroffen. Wir hatten die Vision, einen „Salon d’-Esprit“ in Anlehnung die Aktivitäten von Rudolf Rolfs zu machen. Und Heinz Weber wollte schon damals einen öffentlichen Bücherschrank bauen.

Was waren die ersten Angebote, die „Wir sind Breidert“ gemacht hat?

Am Anfang wurde viel diskutiert, um die die hochgesteckten Ziele auch real werden zu lassen. Um den Namen wurde heftig gerungen. Den Protagonisten war es wichtig, den „Wir-Gedanken“ herauszustellen. Die ersten Monate waren eine Art Findungsphase, aus der heraus sich unser Leitspruch „Vom Nebeneinader – im Miteinander – zum Füreinander“ entwickelte. Das konkretisiert durch die Aussagen interkulturelles und multiethnisches Denken und Handeln, politisch interessiert, jedoch überparteilich und generationenübergreifend, wobei immer die „aktive Nachbarschaft“ im Fokus stand.

Soweit die Theorie...

Die erste Aktion war eine Litfaß-Säule im Breidert-City-Center gegenüber dem Eingang. Die ersten Veranstaltungen waren eine „Begegnung am Kamin“ bei Brigitte Speidel-Frey unter dem Titel „Verführung mit Worten: 33 Quickies für erfolgreiche Texte“ Ende April. Am 3. Mai begann Greta Diederichs mit der regelmäßigen Französisch-Konversation. Judith Bauer folgte wenig später mit Englisch. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Und was hat sich daraus entwickelt?

Eine Vielzahl von Aktivitäten, Veranstaltungen, Projekten, Exkursionen, Festivitäten. Es sind mehrere hundert mit unterschiedlichem Genre gewesen. Auch wenn es von außen betrachten sicher anders wahrgenommen wurde: Uns ging es immer darum, Menschen zusammen zu bringen. Natürlich hatten wir dabei Spaß und Freude gehabt. Aber es hat auch ganz viel Arbeit und Zeiteinsatz bedeutet. Man war auch oft verärgert oder frustriert. Wir haben 102 Informations- und Arbeitstreffen gehabt. Jetzt, in der Corona-Zeit, haben wir als Ersatz für die Arbeitstreffen und den „richtigen“ Newsletter 16 Mini-Newsletter heraus gebracht. Wir haben auch viel geschaffen, was Bestand für die Zukunft hat.

Hätten Sie sich das im Januar 2011 träumen lassen?

Nie und nimmer! Ich weiß auch nicht mehr, was mir im Kopf herum ging. Aber sicher nicht, dass wir uns um das „Braaret-Bernsche“ kümmern und dafür sorgen, dass dort auch Ebbelwoi sprudelt, Dachdecker bei der Hütte in der Kita spielen, Theater und Kabarett durchführen, die Aktion „Natur zurück in die Stadt“ ins Leben rufen und vieles andere mehr.

Es gab aber nicht nur Erfolge. Ich denke da an die Zerstörung der Bücherzelle, die ja zweimal Opfer von Böllern und Feuer wurde...

An diesen und anderen Beispielen zeigt sich, wie stark die Breidert-Initiative ist. Natürlich waren wir traurig bis hin zum Fließen von Tränen, waren zornig, bitter enttäuscht und frustriert. Aber wir sind wieder aufgestanden, haben uns geschüttelt und gesagt, wir schmeißen nicht hin, wir geben den Typen, die zerstören, nicht recht, wir zeigen Kante und machen weiter. Und wenn man sieht, wie die Leute kommen, um wieder aufzubauen wie vor Kurzem am „Braaret-Bernsche“, wird es einem warm ums Herz. Dann sagt man: Wir haben eine aktive Nachbarschaft. Das zu schaffen war unsere Aufgabe, unser Ziel.

Wie kommen Sie und Ihre Mitstreiter aus solchen Tälern des Frusts heraus? Was passiert zum Beispiel mit der aufwendigen Ausstellung, die Sie für den 50. Geburtstag von Ober-Rodens angeblich nobelstem Viertel vorbereitet hatten?

Die Ausstellung haben wir nicht für den 50. Geburtstag von Ober-Rodens angeblich nobelstem Viertel vorbereitet. Wir wollten eine Untermauerung für eine Skulptur „Der erste Breidertianer“ in Form einer Fotoausstellung mit dem Heimat- und Geschichtsverein machen. Dann hat das Vorhaben eine positive Eigenentwicklung genommen und heraus gekommen ist eine große Ausstellung mit vielen Nebenveranstaltungen. Dass wir den Event – es war ja deutlich mehr als eine Ausstellung – zwei Wochen vor der Vernissage wegen Corona absagen mussten, war der absolute Gau, der größte anzunehmende Unfall! Nein, wir haben ja nicht abgesagt, wir haben auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Projektteam mit Rudi Borek, Rolf Sturm, Greta Diederichs, Heinz Diederichs, Dieter Müller und mir hatte mit vielen Unterstützern alle Vorbereitung getroffen, es wurden sogar schon die Einladungen verschickt. Natürlich war das ein Schock, alle hatten über ein Jahr daran gearbeitet. Wenn die Rahmenbedingungen es zulassen, wird die Veranstaltung stattfinden. Vielleich etwas anders als ursprünglich geplant. Wir stehen bei den Breidertianern, den Rödermärkern, den Unterstützern und Sponsoren im Wort. Und das werden wir einhalten. So sind wir halt, die Initiative „Wir sind Breidert“!

Ihr Wunsch fürs Breidert und seine rührige Quartiersgruppe für die nächsten zehn Jahre?

Soweit möchte ich nicht denken, ich denke eher in kürzeren Zeitabständen. Wünschen würde mir uns drei Dinge: Erstens dass die Stadt, die uns ja implementiert hat, uns wirklich ernst und mehr Rücksicht auf unsere Erwartungen nimmt. Ich sage hier bewusst nicht Wünsche oder gar Forderungen. Stichwort Sauberkeit und Bürgergesellschaft. Dass wir zweitens unserem großen Ziel „Wir sind alle Breidertianer“ näher kommen und es wirklich dazu kommt, dass wir ein vorbehaltloses interkulturelles und multiethnisches Denken und Handeln leben. Das ist mehr, als ein Schild „Respekt“ an die Wand zu schrauben. Drittens hoffen wir, dass „Wir sind Breidert“ nach Corona weiter lebt, sich weiter entwickelt und weiter Gutes tut. Das bedeutet sicher eine Verjüngung, vielleicht sogar eine Erneuerung.

Meine letzte Frage geht weg von der Initiative und hin zu ihrem Motor: Karlheinz Weber ist der Bürgermeister des Breidert. Stimmt dieser Satz?

Ich bin eine Person aus dem losen Verbund von Personen. Wir haben ja keine formale Struktur, wir sind so etwas wie eine Interessengemeinschaft. Sicher ist, dass Heinz Weber und ich die Initiative mehr geprägt als andere. Das ergab sich dadurch, dass wir uns etwas mehr eingesetzt haben. In unseren Informations- und Arbeitstreffen wurde diskutiert – zum Teil auch sehr kontrovers –, was wir machen oder auch nicht machen wollen. Man mag es nicht glauben, aber das waren und sind demokratische Prozesse. Ich denke, dass Teamwork, die direkte Beteiligung von allen, einer der Erfolgsfaktoren der Initiative ist.

Und was ist mit dem Breidert-Bürgermeister?

Mein Freund Uwe, auch ein Breidertianer, würde sagen „Bullshit“! Ich weiß, dass das hier und da gesagt wird, aber immer mit einem Lächeln. Als wir soweit waren, dass Wasser aus dem „Braaret-Bernsche“ floss, haben wir es vom Fresenius-Institut untersuchen lassen, um sicher zu sein, dass es „sauber“ ist. Es wurde Trinkwasserqualität bestätigt. Da habe ich gesagt: Wir lassen das Wasser noch einmal untersuchen. Wenn man uns bestätigt, dass es Heilwasser ist, spalten wir uns von Rödermark ab und führen als „Bad Breidert“ ein tolles Leben. Vielleicht kommt die Aussage daher. Ich sehe uns eher als Freidenker. Wir machen das, was wir gut und richtig finden oder als notwendig ansehen. Was dem Breidert und seinen Bürger hilft und guttut. Aber wichtig ist, dass wir das mit dem Ziel und in dem Rahmen tun, den uns Bürgermeister Roland Kern und sein Adlatus Wolfgang Geigen-Weigt seinerzeit vorgegeben haben.

Das Gespräch führte Michael Löw.

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