„Friseur Stadtmüller“

Tradition endet nach 113 Jahren: Marina und Helmut Stadtmüller verpachten ihren Friseursalon

Voller Vorfreude auf alles Neue schauen Marina und Helmut Stadtmüller in die Zukunft. Am 1. August übergeben sie ihren Friseursalon an René Schley, der am 1. September neu eröffnen will.
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Voller Vorfreude auf alles Neue schauen Marina und Helmut Stadtmüller in die Zukunft. Am 1. August übergeben sie ihren Friseursalon an René Schley, der am 1. September neu eröffnen will.

Eine Ober-Röder Institution verändert sich. Viele werden zwar weiterhin „beim Stadtmüller“ ihre Haare schneiden lassen, aber es wird nicht mehr „der Stadtmüller“ sein. Denn der 113 Jahre alte Friseurbetrieb wird am 1. August verpachtet und soll unter neuem Namen weiterlaufen.

Ober-Roden – Seit 1907 gibt"s den „Friseur Stadtmüller“ in Ober-Roden, obwohl das Haus in der Dörnerstraße erst 1908 gebaut wurde. Schon Nikolaus Stadtmüller, eines von zehn Kindern und der Großvater des derzeitigen Inhabers Helmut, hatte neben seiner Arbeit in einem Metallberuf in Frankfurt angefangen, als Barbier durch den Ort zu ziehen. 1907 hatte er sein Gewerbe angemeldet, deshalb konnten seine Nachfahren 2007 das Hundertjährige feiern.

Das Haus wurde 1908 gebaut, darin ein kleiner Raum, in dem abends und am Wochenende Haare geschnitten oder Bärte gepflegt wurden. Die Kunden wurden mehr und mehr – , vor allem, weil m der Großvater nach dem Ersten Weltkrieg als Gleiswärter im Ort arbeitete.

Der 1915 geborene Vater hat ab 1930 den Beruf des Friseurs erlernt und später – sogar während des Krieges – seinen Meister gemacht, da er Glück hatte und vor Ort „auf der Flak“ (Flugabwehrkanone) stationiert wurde.

1936 schon war der kleine Laden, in dem nun auch zwei Tanten mithalfen, vergrößert worden. Die Familie mit fünf Kindern konnte allerdings nicht ausschließlich vom Haareschneiden leben, weshalb der Vater von Helmut Stadtmüller noch zehn Jahre an der Berufsschule in Dieburg unterrichtete. Der Laden wurde in den folgenden Jahren immer mehr erweitert, der Wohnraum im Parterre wurde schrittweise in das Geschäft mit einbezogen.

1985 schließlich übernahmen Helmut und Marina Stadtmüller den Salon. Die 1956 geborene Ober-Röderin, die nur wenige Straßen von ihm entfernt wohnte, hatte ihn „vor 48 Jahren im August“ am Lagerfeuer näher kennengelernt; ihm zuliebe machte sie die Ausbildung zur Friseurin. „Aber jetzt nach fast 60 Jahren ist Schluss mit dem Geschäft“, verkündet Helmut Stadtmüller (Jahrgang 1946) voller Überzeugung, und zwar einfach altersbedingt – das Paar möchte endlich auch mal Ruhe und mehr Zeit für eigene Wünsche haben. „Wir sind ja hier ständig präsent; das Telefon klingelt außer sonntags auch an den freien Tagen, und wir müssen ständig umdenken zwischen Geschäft und privat.“

Drum haben sie – zeitlich ausgerichtet auf den Renteneinstieg von Marina Stadtmüller – eine Nachfolge fürs Geschäft gesucht. „Das erwies sich als sehr schwierig; wir sind natürlich auch sehr kritisch an die Auswahl herangegangen.“ Doch im Januar klappte es: René Schley, der bereits ein Geschäft in Sprendlingen führt, wird mit Bianca Margari den Salon „Ihr Haarschnitt 2.0“ eröffnen. „Es passte schon nach dem ersten Gespräch; wir haben ein gutes Gefühl dabei – es ist halt ein Generationenwechsel.“ Davon hat der Salon ja schon einige erlebt – auch mit den Schwestern Margot und Maria stand allerdings bisher immer die Familie dahinter; nun pachtet ein „Neuer“ den Laden.

„Wir wünschen ihm sehr, dass er von den Rödermärkern gut angenommen wird. Wir sind jedenfalls weitgehend auf einer Linie mit ihm, und er übernimmt neben seinen eigenen Leuten, die er mitbringt, auch unsere zwei Friseurinnen“, sagt Stadtmüller. Die Verpachtung bringt voraussichtlich längere Öffnungszeiten und eine Art Schichtbetrieb. Denn in Zeiten von Corona sind die derzeit neun Plätze im Salon auf fünf und streckenweise sogar nur drei eingeschränkt – allein schon wegen der sich kreuzenden Laufwege.

Beide Stadtmüllers hatten in den vergangenen Monaten nur noch gelegentlich oder gar nicht mehr hinterm Friseurstuhl gestanden. In den sechs Wochen, die der Salon coronabedingt geschlossen bleiben musste, hatte Marina Stadtmüller den Laden schon einmal grundrenoviert. Beide sind sicher etwas wehmütig, aber dennoch voll Vorfreude auf die Zeit, die vor ihnen liegt.

Als Friseure haben sie viele Veränderungen im Laufe der vielen Jahre erlebt: Heiß- und Kaltwelle, saure Dauerwelle bis hin zum völligen Verzicht auf Dauerwellen, Kolorierungen der unterschiedlichsten Art bis auch hin zum ganz anderen Umgangsstil: „Heute ist alles mit viel mehr Gemeinschaft verbunden, das ist sehr schön.“

Der 1. August ist in der Dörnerstraße der letzte Öffnungstag unter dem Namen „Stadtmüller“. Am 1. September eröffnet dann „Ihr Haarschnitt 2.0“.

In ein „Motivationsloch“ werden die Ruehständler dennoch nicht fallen: wandern, skilaufen, skiwandern, gärtnern, alte Schätze sammeln und wieder auffrischen, im Chor singen, malen. Und nicht zuletzt wollen sie leidenschaftlich gern argentinischen Tango tanzen. Das reicht für die nächsten Jahre. Von Christine Ziesecke

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