Gotteshaus für Eisenbahner

90 Jahre Gustav-Adolf-Kirche: Mit den Schienen kamen die Protestanten

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Hunderte von Gläubigen und Neugierigen kamen am 18. August 1929 zur Weihe der Gustav-Adolf-Kirche. Das evangelische Gotteshaus lag damals noch am Ortsrand von Ober-Roden.

Die Gustav-Adolf-Kirche im Süden von Ober-Roden feiert ihren 90. Geburtstag. Ein Überblick über ihre wechselhafte Geschichte.

Ober-Roden – Am 19. August 1929 wurde die Kirche bei einem festlichen Gottesdienst eingeweiht. Sie wurde nach dem schwedischen König Gustav II. Adolf benannt, dessen Sieg in der Schlacht bei Breitenfeld 1631 als Rettung des deutschen Protestantismus gilt.

Für eine evangelische Kirche im katholisch geprägten Rodgau sind 90 Jahre eine stolze Zeit. Anfang des 19. Jahrhunderts waren evangelische Christen eine verschwindend geringe Minderheit. Selbst 1866 gab es nur 28 Protestanten in Ober-Roden und fünf in Messenhausen. Erst der Bau der Eisenbahn, ihre Inbetriebnahme 1896 und Ober-Rodens Funktion als Knotenpunkt ließ ihre Zahl steigen. Die zuziehenden, oft evangelischen Eisenbahner suchten eine kirchliche Heimat, damit sie nicht wie bisher nach Dudenhofen pendeln mussten. 1925 waren es schon 152 Evangelische unter den damals 3 049 Einwohnern Ober-Rodens.

Frauen der Gemeinde machten sich auf Sammeltouren bis in Odenwald auf

1922 kaufte der Kirchenvorstand ein 2 500 Quadratmeter großes Grundstück in der heutigen Rathenaustraße für 20 000 Mark; das angesparte Geld für den Bau allerdings verfiel bei der Inflation. Die Frauen der Gemeinde machten sich auf Sammeltouren bis in den Odenwald auf; zudem belohnte die Gustav-Adolf-Stiftung diesen Eifer mit barer Münze. Am 7. Mai 1928 wurde der erste Spatenstich vollzogen, vier Wochen später folgte die Grundsteinlegung, die als großes Fest begangen wurde.

Am 9. Juni 1929, einem Sonntag, holte die Gemeinde ihre drei Glocken – eine Spende des Gustav-Adolf-Frauenvereins – vom Bahnhof ab, am nächsten Tag fand das Probeläuten im rund 28 Meter hohen Kirchturm statt. Am Sonntag, 18. August 1929, genau morgen vor 90 Jahren, wurde die Kirche schließlich geweiht und von den Gläubigen „in Besitz genommen“.

Die Glocken waren schon am 9. Juni 1929 in Ober-Roden angekommen. Ein Pferdefuhrwerk brachte sie vom Bahnhof zur Kirche.

„Was ist es doch für ein Schatz, ein Gebäude zu haben, in dem schon Generationen vor uns betend zu Gott kamen und in dem wir das auch tun dürfen“, schreibt der derzeitige Ober-Röder Pfarrer Carsten Fleckenstein und betont, dass ein Gotteshaus nicht in erster Linie dafür da ist, im Gottesdienst Gott zu dienen, sondern das damit ein Ort zur Verfügung steht, „an dem wir gemeinsam im Gebet vor Gott treten können“.

1962 wurde Ober-Roden selbstständige Pfarrei

Zum Gotteshaus kam in den Jahren 1953 und 1954 das Pfarrhaus, damit alle künftigen Pfarrer nicht im Ort, fernab von der Kirche, wohnen mussten. „Die Baugrube dazu wurde mit etlichen Helfern, auch Konfirmanden, ausgehoben“, beschreibt die Chronik. Die ist in einer Kurzfassung auch in der Festschrift zu finden, die der Kirchenvorstand zum 90. Geburtstag herausgibt.

1962 wurde Ober-Roden gemeinsam mit Waldacker und Messenhausen mit 1 168 Christen eine selbstständige Pfarrei, allerdings zu jener Zeit noch gemeinsam mit Eppertshausen, Nieder-Roden und Rollwald. Am Reformationsfest 1966 wurde ein Gemeindehaus – zwischen Kirche und Pfarrhaus – mit genügend Raum fürs Gemeindeleben eingeweiht.

Zum 50-jährigen Jubiläum der Kirche bekam sie 1979 ein frisches Äußeres und ein neues Inneres geschenkt: Außen wurde die Bruchsteinfassade sichtbar erhalten; die neuen Fenster bekamen eine möglichst ähnliche Verglasung.

Die von einem Reichelsheimer Bildhauer geschnitzte neue Eingangstür passt sich Taufbecken und Lesepult an. Auch die grafische Ornamentgestaltung des Innenraumes wurde bei späteren Teilrenovierungen übernommen, ebenso wie heute wieder der ursprüngliche Spruch über dem Altar verspricht: „Ich bin bei euch alle Tage“.

von Christine Ziesecke

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