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„Freunde der Nacht“ ließen Menschen im Dunkeln tappen

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Wer verbirgt sich hinter den Eintrittskarten für die Geburtstagsparty? Die „Freunde der Nacht“ taten 40 Jahre nach ihrer Gründung fürs Foto, was sie in ihren frühen Jahren ständig getan hatten – sie versteckten ihre Identität.

Die Freunde der Nacht in Oberr-Rden waren lange ein Phantom. Heute treffen sie sich öffentlich - sind aber trotzdem anders.

Ober-Roden - Sie nennen sich Festgemeinschaft und schließen unsere kleine Reihe jener (Kultur-)Vereine ab, die dieses Jahr ihren 40. Geburtstag feiern.

Zwei Dinge unterscheiden die Freunde der Nacht (FdN) vom Alternativen Zentrum und vom Jazzclub: Sie tragen nicht Rödermark, sondern Ober-Roden im Namen. Und sie beschreiben sich als einen „Haufen ohne Vorsitzenden oder irgendwelche Ämter, es macht jede/r, was sie/er will“. Deshalb gibt’s zum „40.“ der FdN kein Interview, sondern das Protokoll einer lockeren Runde im Biergarten des Gründungslokals, des „Löwen“ in der Frankfurter Straße.

„Wir wollten ein Festverein werden, damit in Ober-Roden mehr Sachen für junge Leute gemacht werden“, erläutert Norbert Köhler, einer der vielen FdN-Sprecher, warum er am 1. April vor 40 Jahren mit Inge Koch, Monika Gotta, Peter Weis, Joachim Herd, Ottmar Zeizinger, Werner Körner, Werner Roth, Mike Gotta, Wilfried Gotta und Karl-Walter Huss beim „Mortsche“ saß. Sie waren zwischen 17 und 22 Jahren jung, kannten sich überwiegend vom Gymnasium in Dieburg und fühlten sich als Revoluzzer, die das Ober-Röder Establishment aufmischten.

Die ersten FdN-Pressemitteilungen waren blanker Unsinn ohne Hinweis auf die Urheber. Liz Legel, der die Truppe sympathisch war, druckte ihn brav im Ortsblättchen ab und steigerte die Spannung bis fast zum Geht-nicht-mehr. Der erste öffentliche Auftritt bei einem Festzug 1979 setzte noch einen drauf: Ein Traktor zog einen Anhänger hinter sich her, auf dem außer einem Tarnnetz nichts zu sehen war. „Die Leute haben das Netz hochgehoben und drunter geguckt, weil sie wissen wollten, wer drinnen saß“, amüsiert sich Köhler noch heute.

Braver geht’s kaum noch: Die elf FdN-Gründer und -Gründerinnen machten beim ersten offiziellen Foto schwer auf seriös. Foto:

Nach gut einem Jahr war Schluss mit dem Versteckspielen. Zu viele Söhne und Töchter alteingesessener Ober-Röder waren „Freunde der Nacht“ und wollten das nicht länger verheimlichen. Anders blieben sie trotzdem. Den Weg vom Marktplatz zum Muttertags-Waldfest in Waldacker legten sie rückwärts zurück, und von einem Tanz in den Mai sagt Klaus Rebel: „Da hat’s geschneit! Auf dem Zelt lag dicker Schnee.“ Kein Wunder, denn die Freunde nächtlicher Umtriebe hatten den Mai-Feiertag mal eben auf den 29. Dezember verlegt.

Die FdN bewiesen nach und nach, dass sie bei allem Ulk auch Ordentliches auf die Beine stellen konnten. Zum Zehnjährigen füllten Rodgau Monotones-Sänger Peter Osterwold und seine Coverband „Die Bärbel im Rock“ gemeinsam mit der Eppertshäuser Kult-Combo „Fatzos“ die Mehrzweckhalle. Fünf Jahre später, 1994, wagte der Kleinverein, was den großen Vereinen zu riskant war, und organisierte in Kooperation mit dem Alternativen Zentrum ein klassisches Zeltfest. Der Lohn: Von den fast 1 500 Plätzen blieb kaum einer frei; „Kleinkunst vor großen Publikum“ schwärmen die FdN noch 25 Jahre später und behaupten von sich ohne falsche Bescheidenheit: „Wir haben die „U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“ groß gemacht.“ Die Band, die ebenso schräg war wie ihr Name, spielte bis dato meist vor 100 hart gesottenen Fans. Im FdN-Zelt wurde sie dann von weit über 1 000 Besuchern bejubelt.

40 Jahre „Freunde der Nacht“ sind eine Aneinanderreihung von Anekdoten, Geschichtchen und Schmonzetten. Die Hochzeits-Rikscha dokumentiert, dass alles Auflehnen einmal ein Ende hat. Zur Hochzeit von Monika und Joachim Herd hatten die FdN ein solches Gefährt zusammengeschraubt und zogen das Brautpaar nach chinesischer Sitte durch den Ort. Die Rikscha sollte das Transportmittel jeder FdN-Hochzeit werden, aber sie fuhr nur dieses eine Mal. Oder wie formuliert’s der Bräutigam: „Die Rebellion gegen unsere Eltern blieb aus.“

Eine Sache ist fast noch wie früher. Der FdN-Kappenabend am Fastnachtsfreitag beginnt zwar nicht mehr abends um 9.99 Uhr, sondern schon um 8.88 Uhr. Aber das ist nach gängiger Zeitrechnung 21.28 Uhr und dem „Löwen“-Wirt eigentlich zu spät. „Der bekniet uns, dass wir auf 7.77 Uhr gehen“, kündigt Norbert Köhler den nächsten Kulturkampf, den die „Freunde der Nacht“ ausfechten.

von Michael Löw

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