Menschenleerer Wallfahrtsort

Vergebens aus Ober-Roden zum Blutaltar gepilgert - Wegen Corona vor verschlossenen Türen

Ernüchternd: Die Ober-Röder Pilger fanden vorm Blutsaltar keinen festlichen Schmuck, sondern nur ein Schild nach dem Motto: „Was wäre gewesen ohne Corona.“ Foto: privat

Ober-Roden – Pilgerfahrten zum „Heiligen Blut“ nach Walldürn haben in der Region eine jahrhundertealte Tradition. Zu Fuß, mit dem Bus oder Auto machen sich Massen an Gläubigen auf den Weg. Doch wegen der Corona-Pandemie hat Familie Kiehl aus Ober-Roden einen menschenleeren Wallfahrtsort Walldürn erlebt.

Ober-Roden - Zunächst der Blick zurück am vergangenen Montagabend in der Nazarius-Kirche: Eine notgedrungen kleine Gruppe feiert Gottesdienst im Gedenken an die eigentlich an diesem Tag beginnende Walldürn-Wallfahrt. Normalerweise wäre an diesem Tag um 5 Uhr morgens eine große Schar Pilger im Breidert hinter Fahne und Pfarrer aus Ober-Roden hinausmarschiert und gen Walldürn gewandert – doch Corona macht alles anders. Da hat auch die gläubigste Schar keine Chance, außer man macht sich selbstständig in einer Kleingruppe auf den Weg.

Dies taten die Kiehls aus Ober-Roden. Oliver und Sabine mit den Töchtern Ronja und Yvonne fuhren ins vergleichsweise leere Walldürn. „Wir waren dort, weil es in unserer Familie Tradition ist und ich schon seit Jahren immer am Dienstag Urlaub nehme. Da hole ich meine Frau dort ab, die seit rund 22 Jahren mitläuft.“

In diesem Jahr war Walldürn zwar wie stets eine Reise wert, aber ausgesprochen ernüchternd. Nur eine Kirchentür auf, drinnen alles dunkel. Für einen Euro gibt’s für vier Minuten Licht, wohl um die coronabedingten Klebestreifen für die Laufwege auf dem Fußboden besser zu erkennen. „Und wenn man drin ist, wirkt es richtig gruselig: Mit uns war nur noch ein Pärchen im Gotteshaus. Es ist nichts aufgebaut, es ist nichts Feierliches“, erinnert sich Oliver Kiehl.

Die größte Enttäuschung: Der Blutaltar, das Herzstück, wegen dem die meisten Wallfahrer dorthin pilgern, ist geschlossen. Ein Verkäufer in der Nähe, der mit diesem Bedauern ständig konfrontiert wird, bat darum, das einmal deutlich weiterzugeben. „Es gibt ja auch Leute, die das wirklich brauchen zu ihrer Erbauung oder zum Gebet.“ Der Hochaltar beeindruckt zwar wie immer, doch nach dem Verlassen der Pilgerstätte bleibt nicht das Gefühl, in einer Wallfahrtskirche gewesen zu sein.

Verwundert stieß Familie Kiehl beim Einkaufen des traditionellen Magenbrotes auf einen weiteren Ober-Röder, der ganz allein die Strecke des zweiten Tages bewältigt hatte, weil er das für sich selbst erfahren wollte.

Oliver Kiehl fürchtet, dass sich durch den Ausfall einiges ändern wird. Nicht nur die lokalen Geschäfte und Restaurants haben wirtschaftliche Probleme, sondern mancher private Gastgeber wird seine Tür nach dieser Auszeit vielleicht auch nicht wieder öffnen – und das wäre für die traditionellen Wallfahrergruppen sehr traurig.

VON CHRISTINE ZIESECKE

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