Rödermark: Steht Kirche am falschen Platz?

Ortsgeschichte lebendig erzählt

Geschichte wird lebendig, sobald Patricia Lips für den Heimatverein Gruppen begleitet. Zuletzt war die Kirche St. Gallus in Urberach das Ziel einer Führung.

Urberach – Wer kennt ihn nicht: den schönen Blick, wenn man mit dem Auto aus Eppertshausen nach Urberach kommt und direkt auf die Kirche zuzufahren scheint! Irgendwann ist sie auf dieser schnurgeraden Strecke kurz verschwunden, dann ist sie wieder der Mittelpunkt der Achse, die in den Ort hineinführt.

Ähnliches gilt für die Kirche in Eppertshausen und weitere Gotteshäuser in der Umgebung. Sie alle wurden so gebaut, dass sie direkt im Mittelpunkt zu stehen scheinen, und gehören auch zu einem Gesamtensemble, geplant und umgesetzt von Georg Moller, großherzoglicher Baumeister in Darmstadt und Umgebung. Das Verwunderliche in Urberach: Die früheren kleineren Kirchenbauten standen an einem anderen Platz, an der Stelle des heutigen Rathauses etwa. Und das heutige größere Gotteshaus entstand an einer Stelle, an der zu jener Zeit überhaupt keine Straße vorbeiführte. Im Gegenteil: Am Gänseeck war Urberach zu Ende; alles weiter Östliche kam meist erst nach 1850 dazu.

Wurde die neue Kirche am Ort vorbeigeplant? Nein. Schon damals war jedes Straßenbauprojekt eine langwierige Sache, und schon 1821 bei der Grundsteinlegung für die neue Kirche waren die Straßenpläne bekannt und wurden wohlweislich mit einbezogen. So kam es, dass die Galluskirche tatsächlich 20 Jahre vor der Straße gebaut, aber nach ihr ausgerichtet wurde und heute wirklich als Kirche im Dorf mitten drin liegt.

Patricia Lips, die Vorsitzende des Rödermärker Heimat- und Geschichtsvereins (HGV), die wohl jede Faser der Urberacher Geschichte kennt und ihr Heimatwissen immer weiter ausbaut, faszinierte wieder einmal mit ihrem historischen Wissen ebenso wie mit Anekdoten rund um Orwisch. Und wo ihr mal das nötige eigene Erleben dank später Geburt fehlte, sprangen beim historischen Gallus-Rundgang die HGV-Mitglieder Elfriede Lotz-Frank und Hans Sulzmann gerne ein und beschrieben das Urberacher Leben aus ihren Kindertagen.

Die Kirche hat so manches Originelle in ihrer Geschichte. 1823 etwa wurde sie nicht bei ihrer Einweihung geweiht, sondern bekam nur die Benediktion. Grund: Zu dieser Zeit gab es in Mainz keinen Bischof, der dies hätte tun dürfen. So wurde der damalige Pfarrer Lorenz Bauer genau unterwiesen, wie er sich zu kleiden habe und was er zu tun und zu sagen habe, um für die Kirche die Benediktion vorzunehmen. Erst rund 70 Jahre später – etwa gleichzeitig wie die Pfarrkirche in Ober-Roden – wurde die Galluskirche schließlich tatsächlich geweiht.

Diese durchaus originellen Tatsachen konnten die Teilnehmer erfahren, teilweise minutenlang unterbrochen vom Läuten der Kirchenglocken. Dazu gehörten auch Ausführungen über die Geschichte der ersten Kirche, die schon um 1500 in den Büchern erwähnt wird und wohl noch 200 bis 300 Jahre älter ist. In Bildern von Horst-Peter Knapp wurden die einzelnen Epochen den Interessierten ebenso bildhaft vor Augen geführt wie alle späteren Bauphasen bis hin zur heutigen, wieder dringend renovierungsbedürftigen Form. Wenn Fakten über die eigene Heimat so lebendig und aus so profundem Grundwissen heraus dargestellt werden, kann sich niemand dem Charme der Historie entziehen. „Ich habe einfach Spaß daran, die Geschichte meiner Heimat zu erfahren. Und wenn man hier aufgewachsen ist, sieht man sich Fotos und Karten auch mit ganz anderen Augen und mit viel mehr Interesse an“, begründet Patricia Lips ihre Liebe zur Geschichte Rödermarks und hier speziell von Urberach.

Infos im Internet

hgv1979-roedermark.de

Patricia Lips (im gelben Mantel) ließ Kirchengeschichte lebendig werden.

Rubriklistenbild: © Ziesecke

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