Rödermark

Berufsakademie: Testlauf für andere Notlagen

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Neuer Studiengang: Abstand halten. Akademieleiter Bernd Albrecht trainiert"s mit seinen Leuten.

An der Berufsakademie laufen nur die Prüfungen vor Ort, alles andere geschieht online. Und das eröffnet Perspektiven über die Coronakrise hinaus.

Rödermark – Bernd Albrecht, der Leiter der Berufsakademie (BA) Rhein-Main gewinnt dem Corona-Betrieb notgedrungen auch den ein oder anderen positiven Aspekt ab. Die vor Wochen begonnenen Online-Vorlesungen können ein Testlauf für Tage sein, an denen Stürme oder Glatteis Studenten und Dozenten die Fahrt zum Campus unmöglich machen. Denn Albrecht und sein Team haben inzwischen die technischen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen, dass der Fernunterricht über Nacht machbar ist.

Natürlich hat die Schließung aller Hochschulen auch Hessens größte Berufsakademie bis ins Mark erschüttert. Mitte März waren 220 Studenten vor Ort und bereiteten sich auf ihre Prüfungen Ende des Monats vor. Die bange Frage: Sind sie zu den Hygienevorschriften des Robert-Koch-Instituts möglich?

Die Videokonferenzen dieser Tage hat Albrecht nicht gezählt – so viele waren’s. Er schloss sich mit Studenten und Unternehmen zusammen. Viele hatten Angst vor einer Ansteckung mit dem Sars-CoV-2-Virus, den meisten fehlte damals die Corona-Routine, die heute die neue Normalität ist.

„Die Abi-Prüfungen in Hessen waren für mich die Richtschnur. Was die Gymnasien können, sollten wir auch können“, fand Albrecht eine Lösung, die alle zufriedenstellte.

Parallel musste die BA-Geschäftsführung auch den Wechsel von den Prüflingen auf die nächsten 200 Studenten organisieren, die von der Praxisphase in ihren Unternehmen zurück in die Theorie kamen. Albrecht: „Es war eine echte Herausforderung, diese beiden Pakete gleichzeitig zu stemmen.“ Geschafft hat’s die BA durch ein Lernprogramm, das den Präsenzunterricht eins zu eins umsetzte. Die Studenten gingen mit ihren normalen Stundenplan in ihre gewohnten Seminarräume – nur eben virtuell.

Auf Distanz gegangen – die BA-Studenten bei ihrer Prüfung.

Das ersparte der BA aufwendige Schutzmaßnahmen außerhalb der Prüfungsbereiche und die Verkleinerung ihrer Lerngruppen, was mehr Personal erfordert hätte.

Die Dozenten drückten selbst die Schulbank und absolvierten eine Extra-Ausbildung für die Online-Vorlesungen. Sie lernten, wie sie richtig in die Kamera schauen, und setzten sich mit der Technik auseinander: Wie schalte ich die Lautsprecher so, dass nur jene Studenten zu hören sind, die gerade etwas zu sagen haben?

Anfangs hatten es die Dozenten jedoch eher mit zuwenig als mit zuviel Beteiligung zu tun. Immer wieder flogen Studenten aus den Vorlesungen heraus, weil Internetverbindungen zusammenbrachen. Aber das waren laut Albrecht auch die größten technischen Probleme der Online-Vorlesungen.

Härter traf die Studenten – man wundert sich in dieser Generation –, dass Kontakte nur noch elektronisch abliefen. Etliche beklagten sich bei Bernd Albrecht und seinen Kollegen, wie sehr ihnen das Menschliche fehlt, das in ihren Augen die Qualität der BA ausmacht.

Notfalls funktioniert aber auch das gesellige Beiprogramm per Videostream: Zu Ostern schenkten die Dozenten ihren Lerngruppen echte Nester voller Naschereien – und versprachen, sie bis zur Rückkehr zu bewachen. Wann das ist, kann Albrecht noch nicht sagen.

Was ihm fast wichtiger als die Frage nach Präsenzunterricht oder Online-Vorlesung ist: Er weiß von keinem Studenten, der seinen Job verloren hat. „Die Unternehmen rekrutieren auch in der Coronakrise weiter und investieren in ihre jungen Leute“, sagt Albrecht. Das gelte auch für Branchen wie Hotellerie und Gastronomie, in denen die Seuche Existenzen en masse gefährdet.

VON MICHAEL LÖW

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