Coronakrise

Seniorenheime in Rödermark und das Corona-Risiko

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Den wohl bekanntesten Appell dieser Tage geben auch die Mitarbeiter des Artemed-Pflegestifts in Urberach weiter: Bitte bleiben Sie daheim! Foto: privat

30 alte Menschen sind in Seniorenheimen in Wolfsburg und Würzburg am Coronavirus gestorben. Um solche Schreckensszenarien zu verhindern, schotten sich die Rödermärker Pflegeheime fast vollständig ab.

Rödermark – In Zeiten von Corona brauchen Alte, Kranke und Pflegebedürftige sowie deren Helfer ganz besonderen Schutz. Die drei Rödermärker Altenheime folgen strikt den Bestimmungen der Behörden, die unter anderem nahezu alle Besuche verbieten. Angehörige werden nur noch in Ausnahmefällen eingelassen, etwa zur Sterbebegleitung. Die Vorgaben sind so klar definiert, dass alle Einrichtungen – das Alten- und Pflegeheim Haus Morija, das Artemed-Pflegestift an der Rodau sowie der Senioren- und Pflegepark Rödermark – unter gleichen Bedingungen arbeiten.

Allen gleich ist, dass ihr Personal – vom Pflegedienst über Hauswirtschaft, Hausverwaltung und Technik – in dieser Krise durchweg mit sehr großem Engagement arbeitet. Alle Heimleitungen sind hierfür dankbar – aber auch für die Tatsache, dass die Polizeistation Dietzenbach angerufen und ihnen sofortige Unterstützung zugesagt hat, falls es Ärger mit rabiaten Besuchern geben sollte.

Coronakrise in Rödermark: Seniorenheim Artemed-Pflegestift

Leiterin Ana Waldheim hat zur Zeit 107 der 108 Betten belegt. Die vorgesehene letzte Bewohnerin hat ihren Einzug in der momentanen Situation erst einmal verschoben. Alle Angehörigen sind informiert, dass sie von Besuchen derzeit absehen müssen; die Übergabe von Wäsche oder anderen Mitbringseln geschieht ohne Kontakt an der Eingangstür. 

Das gleiche gilt für Sanitätshäuser, Friseure oder Physiotherapeuten. Alle Wartungen und Handwerkerarbeiten sind vorläufig verschoben; auch die Fahrdienstler übernehmen die Dialyse-Patientin direkt an der Tür.

Rödermark und Coronavirus: Pflege- und Seniorenheime gehen kein Risiko ein

Nur noch die Mitarbeiter kommen ins Haus. „Und die sind so ungeheuer verständnisvoll, dass sie zuhause jegliche unnötige Kontakte meiden, um die Bewohner ebenso wenig zu gefährden wie sich selber – sie wissen, wie dringend sie gebraucht werden“, lobt Ana Waldheim. In Notfällen kommen der Hausarzt oder andere Ärzte ins Heim, um unnötige Klinikeinweisungen zu vermeiden. Die Leiterin will jedes Risiko ausschließen: „Eine Frau, die aus dem Krankenhaus zurückkam, haben wir erst einmal isoliert, ehe sie wieder eingegliedert wurde.“

Solange es keine Corona-Fälle im Haus gibt, sind nur vorsorgliche Maßnahmen angesagt, ohne Kittel und Mundschutz. Und mittlerweile hilft die ehemalige Urberacher Handarbeitslehrerin Jutta Peters mit selbst genähtem Mundschutz: „Den verwenden wir, solange wir keine akuten Verdachtsfälle haben, und sparen uns die medizinischen auf“, erläutert Ana Waldheim. „Wir unterstützen uns auch unter den fünf Artemed-Häusern. Der Chef ruft hier praktisch täglich an und stärkt uns den Rücken.“

Coronakrise in Rödermark: Seniorenheim Haus Morija

„Wir sind besonders froh, dass wir immer schon einem sehr guten Draht zum Gesundheitsamt haben, der jetzt noch intensiver ist – so fühlen wir uns immer gut beraten und abgesichert“, erklärt Schwester Regina Neidhart, die Stellvertreterin von Heimleiterin Sibylle Heiss. Eine Stütze haben die Christusträger-Schwestern auch in ihrem Betriebsarzt Dr. Gaber, der mit Pandemien und ihren Notwendigkeiten vertraut ist.

Pflege auf Tuchfühlung ist so im Haus Morija derzeit nicht möglich. Auch hier gilt"s Abstand zu halten oder Schutzkleidung zu tragen. Foto: Ziesecke

„Wir hatten vor gut zwei Wochen eine über ihren Mann infizierte Mitarbeiterin in der Pflege, die sofort in häusliche Quarantäne ging. Daraufhin wurden alle Mitarbeiterinnen, die mit ihr zusammen gearbeitet haben, beim Gesundheitsamt getestet und ihre Station unter Quarantäne gestellt. Doch wie durch ein Wunder hat sich niemand angesteckt. Und die Kollegin ist mittlerweile auch gesund wieder bei uns“, atmet die Heimleiterin nach ein paar Tagen des Bangens tief durch.

Die Sorge um Ansteckungen bleibt. Doch die Situation insgesamt ist bis auf das immer noch nicht nachgelieferte Material ruhig. „Wir haben auf Rat der Diakonie auch bei staatlichen Stellen gefragt, und Nachschub wurde uns versprochen, aber es kommt einfach nichts.“ Deshalb ist Schwester Sibylle dankbar für zahllose Freiwilligenaktionen aus Kirchengemeinden, Christusträger-Freundeskreis und vielen Gemeindegliedern, die waschbaren Mundschutz nähen.

Corona in Rödermark: Seniorenheime reagieren

Ein Pandemie-Plan ist erstellt – wer kommt freiwillig zum Dienst, falls es ernst wird, und manches mehr ist darin festgehalten. Die Wohnbereiche werden jetzt schon völlig separat betreut; jeder Pflegende ist einem Bereich fest zugeordnet. Angehörige dürfen nur in lebensbedrohlichen Situationen die Bewohner besuchen; auch Pfarrer haben Zutritt; die Andachten sind abgesagt, aber die Kapelle ist aber stets geöffnet. 

Abgesagt haben die Schwestern auch die Feier zum 30. Geburtstag des Hauses Morija. Schwester Regina spürt aber deutlich: „Wir haben ohnehin eine gute Gemeinschaft, aber wir rücken innerlich noch mehr zusammen. Die Mitarbeiter verzichten schon auf Urlaube; sie müssen aber auch gelegentlich durchatmen. Doch hier ist sich jeder sicher: Im Ernstfall sind alle da.“

Coronakrise in Rödermark: Pflegepark Odenweller

Mit der Heimaufsicht und dem Versorgungsamt in Frankfurt hat sich Leiterin Petra Odenweller ebenso abgesprochen wie mit dem Gesundheitsamt und schon in der vergangenen Woche die Besucher um Zurückhaltung gebeten. „Wir haben auch fast durchweg gute Resonanz darauf bekommen.“

Die Türen bleiben zu: Petra Odenweller hat den Senioren- und Pflegepark in Ober-Roden für Besucher und andere Auswärtige geschlossen. Foto: Ziesecke

Neu eingeführt hat Petra Odenweller für jene 41 Bewohner, die nicht mit dem Handy Kontakte pflegen können, zwei Telefonzeiten: Täglich zwischen 11.30 und 13 Uhr sowie zwischen 17.30 und 19 Uhr können Verwandte auf den Diensthandys der Pflegekräfte anrufen und werden mit ihren Lieben verbunden.

„Ansonsten versuchen wir, so ruhig wie möglich zu bleiben“, erläutert Petra Odenweller. „Wir nutzen unseren Garten mit den vielen Tieren direkt am Wald. Allerdings bleiben unsere Ehrenamtlichen verschont. Nur die Mitarbeiter begleiten die Bewohner und machen auch Stuhlspiele und manches mehr im Freien. Beschäftigungstherapie steht ganz weit vorn.“

Vor Kurzem hat Petra Odenweller an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geschrieben: Er hatte ausreichend Desinfektionsmaterial versprochen, und die Heimleiterin will wissen, wo dies denn bleibe, schließlich habe sie zwar Vorräte – aber nicht für ein Jahr. Immerhin wurde sie schon gefragt, wie viel Personal im Haus sei: wegen der Zuteilung. Nun wartet sie weiter.

VON CHRISTINE ZIESECKE

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