Doppelt so alt wie Kommilitonen

Doris Lerch strebt mit 54 Jahren den Master im Biologiestudium an

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Überwiegend digital: Die späte Biologiestudentin Doris Lerch liebt die Lernerei übers Internet.

Geografisch hat’s Doris Lerch nicht sehr weit geschafft. Seit ihrem ersten Lebensjahr wohnt sie in Waldacker. Weit gekommen aber ist sie auf ihrem Lebensweg: Die 54-Jährige hat gerade den ersten Abschluss ihres Biologiestudiums, den Bachelor, geschafft.

Waldacker –  Schon auf dem Heusenstammer Adolf-Reichwein-Gymnasium interessierte sich Doris Lerch für Biologie, doch ihre Lehrerin schreckte sie ab: „Im Studium musst du da Frösche sezieren!“ So schwenkte sie vom Wunsch nach Labor auf die Realität im Büro um und lernte bei „Goldpfeil“ Industriekauffrau. Ziemlich langweilig, fand sie. Und sattelte ein BWL-Studium drauf.

Sie lernte ihren Mann kennen, bekam zwei inzwischen erwachsenen Kinder und arbeitete bis 2013 bei Nike, bis der Sportartikelriese die Buchhaltung ausgelagert hat. Ihre Familie, auf der stets ihr Fokus lag, war inzwischen selbstständig geworden – so entsann sich Doris Lerch der Worte, die sie selbst ihren Kindern immer mit auf den Weg gegeben hatte: „Macht das, was ihr wirklich wollt! Ich hätte immer gern Biologie studiert!“

Biologie und hier speziell die Umwelt hatten sie stets bewegt. Nun hatte sie die Chance, im zweiten Durchgang dieser Liebe näher zu kommen. Sowohl an der Uni Frankfurt als an der TU Darmstadt hätte sie anfangen können; sie entschied sich für Darmstadt.

Aber schafft sie es in einem normalen Studiengang (also nicht an der „Uni des dritten Lebensalters“), mitten zwischen 17- bis 27-Jährigen? Berührungsängste hat die Spätberufene schnell abgebaut: „Es dauerte etwa zwei Wochen, in denen ich ein paar Zweifel hatte, aber dann wussten sie alle, dass sie mich nicht siezen müssen und dass sie mich behandeln können wie alle anderen auch!“

Längst kennt Doris Lerch an der vergleichsweise kleinen TU alle von der Sekretärin bis zu den Professoren. Sie sei „ einfach super aufgenommen worden“, und ihre Studienkollegen sagen „Du bist doch eine von uns.“ Dass der Lehrstoff heutzutage online eingestellt und danach am Computer erarbeitet wird, hilft ihr sehr, „das ist doch viel leichter als früher Fernleihe und Mikrofisch!“ Natürlich gibt’s schon immer wieder kleinere Haken und Ösen, so etwa, als die Ökologie-Exkursions-Gruppe im Sechs-Bett-Zimmer einer Jugendherberge nächtigte – aber auch da war die Mittfünfzigerin „eine von ihnen“.

Sie könnten ihre Kinder sein: Die meisten Kommilitonen von Doris Lerch (sitzend) sind nicht einmal halb so alt wie die 54-Jährige aus Waldacker. Foto: privat

Mittlerweile hat Doris Lerch ihren Bachelor mit „sehr gut“ abgeschlossen und will das in Kürze auch beim Master schaffen. „Ich lerne anders als in der Jugend, aber ich gehe auch anders dran: Es ist ja alles so spannend! Ich wollte das ja wirklich.“

Und so positiv stellt sich auch ihr weiterer Lebensweg dar, schon jetzt ist sie überall gefragt. „Ich bin mit meinem Wissen oft das letzte Steinchen, das noch fehlt“, sagt sie. So beschäftigt sie sich derzeit mit dem „Kranich-Kreisel“ im Norden Ober-Rodens, der begrünt werden soll. Ihre Pläne diskutiert Doris Lerch mit der Gärtnerei Haus, die dort arbeiten wird und naturnah plant.

Gemeinsam mit einem Kommilitonen hat sie eine Samenmischung entwickelt, die sich für die Neuanlage einer Streuobstwiese eignet, da sie Nützlinge und Bestäuber anlockt, und hat mit „Appels Wilde Samen“ auch eine Firma für die Produktion gewinnen können. Seither gibt es die „Rödermark-Mischung“ zu kaufen, die auch beim Blühwiesen-Projekt am Breidertring verwendet wird.

Was diese Studentin anpackt, läuft – was wohl an ihrem großen Wissen und an ihrer eigenen Begeisterungsfähigkeit liegt, die sie auch gut weiter vermitteln kann. Das bescheinigten ihr kürzlich jene Bürger, die ihren Vortrag „Bunte Blumenwiese – warum?“ rund um die Auswirkungen des Insektensterbens erlebt haben. Das war ihr erster Vortrag, und der machte sie happy.

Nun muss Doris Lerch nur weiter ins Geschäft und ins „Gebraucht-Werden“ hineinkommen, denn sie ist sich sicher und macht jedem Menschen Mut: Wenn das Herz daran hängt, sollte man sich trauen. „Es gibt nichts Erfüllenderes als das zu tun, was man wirklich möchte und liebt! Ich habe es keine Sekunde bereut!“

VON CHRISTINE ZIESECKE

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