„Wenn ich könnte, würde ich viel mehr machen“

Das Gesicht der evangelischen Seniorenarbeit: Ilse Holzer gibt ihre Aufgabe ab

Ilse Holzer Gründerin der Seniorenarbeit
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Ilse Holzer Gründerin der Seniorenarbeit

Erst als Chefin, jetzt als Gast. Ilse Holzer hat in Ober-Roden die evangelische Seniorenarbeit ins Leben gerufen. Seit ihrer Verabschiedung genießt sie es, dort Besucherin zu sein.

Rödermark – Am 9. März 1983 trafen sich im Gemeindesaal der evangelischen Kirchengemeinde Ober-Roden erstmals betagte Menschen, um gemeinsam einen gemütlichen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen und netten Gesprächen zu verbringen. Dies hatte Ilse Holzer ins Leben gerufen, zu jener Zeit bereits lange Jahre Kirchenvorsteherin und genervt davon, dass für Kinder und Jugendliche in der Kirchengemeinde etwas angeboten wurde, nicht aber für die Senioren.

Ihr damaliger Pfarrer Wolfgang H. Weinrich griff dies gerne und auf die typische Art auf: „Prima, wenn Sie das wollen, dann machen Sie das!“ Seither hat Ilse Holzer die Seniorennachmittage wie auch die gesamte Seniorenarbeit geleitet – am Anfang gemeinsam mit der Messenhäuserin Ruth Streitenberger, die in ihrem kleinen Auto die alten Menschen bei Bedarf abholte. Am ersten Advent vergangenen Jahres gab die heute 86-Jährige aus gesundheitlichen Gründen, aufgrund großer Probleme mit dem Augenlicht, diese wichtige Aufgabe ab, vorläufig in die Hände von Christa Rehermann.

Die Neuerung 1983 wurde so gut angenommen, dass bald schon viel Leben in der Gruppe der „Silver Ager“ entstand, die sowohl in Gemeindepädagogin Karin Jablonski als auch in Pfarrerin Ingrid von Nordheim starke Unterstützung fand.

Zu den Kaffeenachmittagen kamen Andachten, Vorträge, Liedernachmittage, Seniorenausflüge und sogar regelmäßige mehrtägige Fahrten, etwa auf die Nordseeinsel Baltrum. „Dabei waren wir von Anfang an immer gemischt; es waren immer Senioren jeder Konfession dabei“, betont Ilse Holzer.

Heute in einer Zeit, in der die evangelischen Kirchengemeinden Ober-Roden und Urberach eng zusammenarbeiten, um Mitarbeiter und Etat zu optimieren und den Gemeindegliedern mehr Auswahlmöglichkeiten im Angebot zu ermöglichen, ist diese Zusammenarbeit noch intensiver. Etwa viermal im Jahr feiern die Senioren beider Gemeinden zusammen – Frühlingsfeste, Fastnacht oder auch Weinfeste und mehr. Dazu kommen viele Beiträge katholischer Bürger wie Gesang oder ortsgeschichtliche Erinnerungen. Man sieht, das einstige Pflänzchen Seniorennachmittage ist zu einem breit ausladenden Baum geworden.

Ilse Holzer fällt die eigene Rückversetzung aus dem Vorbereitungskreis zu den Teilnehmern ausgesprochen schwer: „Wenn ich könnte, würde ich noch viel mehr machen, weil ich es doch so gerne gemacht habe.“ Und sie versichert: „Es geht nur, wenn man es mit Freude und Energie macht – schließlich ist man in dieser Rolle auch mal Aufpasser und Seelenklempner zugleich, denn man schaut auch, ob die zumeist gleichen Schäfchen alle da sind. Und kümmert sich, wenn dies nicht der Fall ist.“ Ilse Holzer ist das beste Beispiel für die notwendige Kraft des Ehrenamtes in einer Gemeinde.

Ilse Holzer selbst, deren Opa als einer der ersten Eisenbahner in den Ort kam, weiß, wie schwierig es war, Mitte des letzten Jahrhunderts in Ober-Roden evangelisch zu sein. In der Schule waren es damals 65 katholische und fünf evangelische Kinder in ihrer Klasse. „Wir hatten keinen eigenen Pfarrer und keine Jugendarbeit; doch wir wenigen waren stolz darauf, evangelisch zu sein.“ Sie gehörte 1947 zum ersten Jahrgang, der in der evangelischen Kirche hier konfirmiert wurde. Ihre Schwester musste noch zu Fuß nach Dudenhofen zum Konfirmandenunterricht gehen.

Eine schlimme Erfahrung hat Ilse Holzer in der Schule gemacht. Sie hängt damit zusammen, dass ihre Lehrerin sehr katholisch war. Sie lehrte die Kinder: „Evangelisch sein ist ja gut leben. Aber katholisch sein ist gut sterben!“ Das hat die Schülerin so umgetrieben, dass ihre Mutter am nächsten Tag zur Lehrerin ging und ihr deutlich zu verstehen gegeben hat: „So kommt mir meine Tochter nicht mehr nach Hause!“

VON CHRISTINE ZIESECKE

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