Buch über Verfolgung während der NS-Zeit

In Rödermark gab es mehr Gegner des Nazi-Regimes als gedacht

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Stein der Mahnung: Klaus-Joachim Rink wohnt nur gut 100 Meter von der Gedenkstätte des Strafgefangenenlagers im Rodgauer Stadtteil Rollwald entfernt. In einem Buch zeichnet er die Schicksale von Menschen aus Ober-Roden und Urberach nach, die von den Nationalsozialisten wegen ihrer politischen Gesinnung verfolgt wurden.

In den Bauern-, Handwerker- und Arbeiterdörfern Ober-Roden und Urberach gab es wohl mehr Gegner des Nazi-Regimes als bisher angenommen.

Rödermark – Klaus-Joachim Rink hat fast 100 Namen zusammengetragen: eine Frau und etliche Männer, deren Handeln und Reden Hitlers lokalen Statthaltern nicht passte. Über sie will er in einem Buch berichten, das er entweder am 9. November dieses Jahres, dem Gedenktag an die Reichspogromnacht, oder am 27. Januar 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, veröffentlichen will.

Klaus-Joachim Rink kennt die Repressalien der Nationalsozialisten aus der eigenen Familie. Sein Großvater Aloys Georg Rink, Sozialdemokrat wie der Enkel, wurde schon im August 1933 erstmals verhaftet und ins KZ Osthofen geschickt. Das Konzentrationslager Dachau war in den Vierzigerjahren eine weitere Station seines Leidenswegs. Wehrkraftzersetzung war während des Zweiten Weltkriegs ein schweres Verbrechen, unzählige vermeintliche Saboteure wurden hingerichtet. Aloys Georg Rink überlebte das „Tausendjährige Reich“ und ging wieder in die Politik. Vom 1. Dezember 1946 bis zum 30. November 1950 war er Mitglied des Landtags.

Doch es war nicht die allseits bekannte Familiengeschichte, die Rink junior zum Schreiben bewog. 1998 hatten Professor Egon Schallmayer und Dr. Jörg Leuschner ihr viel beachtetes Werk „Ober-Roden und Urberach im Dritten Reich“ veröffentlicht. Es enthielt rund 80 Namen Verfolgter. „Wir hätten noch viel mehr schreiben können“, sagten die Autoren bei der Buchvorstellung. Doch das verhinderte der Datenschutz. Namen, so Rink, dürfen erst 110 Jahre nach der Geburt, 80 Jahre nach der Hochzeit oder 30 Jahre nach dem Tod des Betroffenen veröffentlicht werden. Damit hat Rink jetzt eine noch breitere Basis als die beiden Wissenschaftler vor 21 Jahren.

„Diese Menschen haben damals mit ihrem Leben gespielt“, begründet Rink die späte Würdigung. 40 Ober-Röder und 54 Urberacher gerieten wegen ihrer politischen Ansichten in die Mühlen der Nazi-Justiz. In deren Augen hatten sie sich durch das Verteilen von Flugblättern, als „geistige Anführer“ der Kommunistischen Partei, als streikende Arbeiter bei Opel oder des Abhörens verbotener Sender schuldig gemacht. Berufsverbote oder Hausarrest waren noch vergleichsweise milde Strafen. Doch etliche Männer wurden in Konzentrationslager geschickt, meist nach Osthofen bei Worms.

Rink fand bei seinen Recherchen heraus, dass kein Rödermärker hingerichtet wurde oder im Gefängnis beziehungsweise KZ starb. Bei Prozessen wurde niemand ans Messer geliefert. Auch wenn die Dörfler einander nicht immer grün waren: Gegen die braunen Richter hielten sie zusammen.

Trotzdem haben nicht alle Verfolgten überlebt: Karl Huther bezahlte die Unterstützung der KPD auf dem Schlachtfeld mit seinem Leben. Er kam ins berüchtigte Strafbataillon 999 und fiel im Oktober 1944 in der Nähe von Lyon.

Der Ober-Röder Kommunist Ferdinand Römhild überstand sechs Jahre im KZ Buchenwald. Als Schreiber im Lazarett war er für die Ärzte unentbehrlich. Bei den Nürnberger Prozessen war er zeuge und berichtete über die Menschenversuche und andere grausame Experimente der SS-Ärzte.

Das Buch-Projekt

Klaus-Joachim Rink versteht sein Projekt „Widerstand in Rödermark – Verfolgung und Repressalien während der NS-Zeit“ als Vertiefung des Schallmayer/Leuschner-Buches. Unterstützt haben ihn viele Familien der Verfolgten sowie die Kreisstiftung „Miteinander leben“, die Stadt Rödermark und die Sparkasse Dieburg. Co-Autor ist Dr. Sebastian Farnung vom Stadtarchiv Schwalbach.

VON MICHAEL LÖW

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