Regelmäßiger Alkoholrausch 

Mit 1,3 Promille durch die Schule

Die Kippe ist uncool: Diese Botschaft kommt offenbar an, denn die Zahl der rauchenden Jugendlichen ist so niedrig wie noch nie zuvor. Foto: Löw

In Ober-Roden wird bei einem Promille-Parcours in der Nell-Breuning-Schule über die Gefahren von Alkohol informiert. Laut Studien trinkt sich jeder 7. Jugendliche einmal im Monat in einen Rausch. 

Ober-Roden – Verdammt, warum wackelt die blöde Pylone denn? Mein Fuß war doch noch ewig weit davon entfernt! Und überhaupt: die Pylone? In meinem Blickfeld taucht plötzlich ein zweites gelb-schwarzes Hütchen auf. Auf welches soll ich den Ball legen, den ich ein paar Sekunden zuvor im dritten Versuch endlich aufgehoben habe. Ich torkele mit mindestens 1,3 Promille durch Aula der Nell-Breuning-Schule (NBS) und bin nur noch begrenzt Herr über mein Gleichgewicht.

Ober-Roden: Parcour simuliert Betrunkenheit 

Nein - natürlich habe ich keine vier Weizenbier getrunken, die für einen solchen Vollsuff nötig sind. Ich habe einen „Drunk-Buster“, eine Rauschbrille, vorm Gesicht und blamiere mich für die Gesundheitsaufklärung. Die gleichnamige Bundeszentrale (BZgA) ist zwei Tage an der NBS zu Gast und gibt Jugendlichen Gelegenheit, sich mit Alkohol und Nikotin auseinanderzusetzen.

Ich bin nach meiner Stolperrunde ziemlich überrascht. Vier große Bier – und solche Ausfallerscheinungen? „Sie haben das nicht über einen Abend verteilt getrunken, sondern ge-ext“, beruhigt mich BZgA-Mitarbeiterin Lisa Knospe. Vier virtuelle Weizen in gedachten fünf Minuten; das erklärt einiges.

So wie mir geht es etlichen Jugendlichen, die den „Klarsicht“-Parcours absolvieren. „Ich habe alles versetzt gesehen und konnte mich nicht orientieren“, schildert Annabell Puschner ihre Eindrücke. Die Rauschbrille hatte die 14-Jährige zuvor aus der markierten Bahn gebracht; erst die Stellwand, die über die Gefahren des Alkohols informiert, brachte sie wieder auf Kurs. Klar im Kopf, aber betrunken im Blick: Eine Erfahrung, die nachhaltiger ist als jeder eindringliche Vortrag.

Knapp daneben ist auch vorbei: Eine Rauschbrille ließ gestern die Schüler mit gefühlten 1,3 Promille über den „Klarsicht“-Parcours der BZgA stolpern. Foto: Löw

Die BZgA will mit ihrem Parcours über Alkohol und Nikotin informieren und zu einem kritisch-bewussten Umfang mit diesen „Genussmitteln“ animieren. Aber ihr geht es nicht darum, das Alkoholtrinken per se zu verdammen.

Just dieser Ansatz macht die Kampagne für Holger Fischer, den Präventionslehrer der NBS, interessant: „Denn alles, was verboten ist, ist für Jugendliche viel interessanter.“ Ihm ist wichtiger, Komasaufen und Vollrausch zu vermeiden. Was die Jugendlichen nach Schulschluss kippen, wissen weder Fischer noch Rektorin Christine Döbert. Aber Schüler mit (Rest-)Alkohol beobachten sie allenfalls in den Tagen der Abschlussfeierlichkeiten.

Studien belegen Alkoholkonsum von Jugendlichen 

Aktuelle Studien der BZgA zum Alkoholkonsum junger Menschen belegen, dass sich 13,6 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren mindestens einmal im Monat in einen Rausch trinken. Der Anteil der rauchenden Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren dagegen kontinuierlich gesunken und befindet sich mit 7,4 Prozent bei den 12- bis 17-Jährigen auf einem historischen Tiefstand.

Da liegt die NBS laut Holger Fischer voll im Trend: Die beiden angeblich heimlichen, aber doch allen bekannten Raucherecken auf dem Schulgelände seien jetzt verwaist, seit die Pausenaufsicht ein Auge auf sie hat. Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg. Und der führt zumindest die 18-Jährigen vors Schultor.

Drogenberatung in Rödermark 

Bei der Suchtprävention arbeitet Fischer mit vielen Partnern zusammen. Schulsozialarbeiterin Gabriele Martin-Pfau ist oft erste Anlaufstation, wenn Jugendliche Probleme haben. Monika Gather, die Vorsitzende der Alltagsdrogenberatung Rödermark, und Mechthild Rau vom Suchthilfezentrum Wildhof bieten Hilfe, wenn die Probleme chronisch werden. Der Lions Club Rodgau/Rödermark wiederum finanziert auch an der NBS Vorbeugungsprogramme, dass es erst gar nicht dazu kommt. Die Lions setzen dabei auf das Motto „Ein starker Charakter verhindert Sucht“.

Und wenn alle Vorsorge vergebens war, kommt die Polizei ins Spiel. Natürlich habe auch Rödermark seine Ecken, in die denen die Flasche oder der Joint kreist, sagte Polizist Jan Henninger beim Rundgang über den „Klarsicht“-Parcours. Treffpunkte, aber keine Brennpunkte seien seit Jahren die Wiese hinterm Badehaus oder das „Schillerwäldchen“ in Ober-Roden: „Die Ecken bleiben gleich, die Leute ändern sich alle drei Jahre.“ Meist wenn es in der Schule um die Abschlussnoten geht, spätestens aber mit dem Beginn einer Ausbildung ist nach seinen Erfahrungen bei vielen Jugendlichen Schluss mit allzu wilder Party. Von Michael Löw

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