Wenn Corona Kommunalpolitik zur Nebensache macht

Rödermark: Bürgermeister und Erste Stadträtin ziehen ein Jahr nach Amtsantritt Bilanz

Nicht nur den Stadtrats-Posten, sondern auch das Büro im Urberacher Rathaus hat Andrea Schülner von Jörg Rotter übernommen. Seit dem 1. Juli 2019 ist sie für Finanzen, Soziales und öffentliche Ordnung verantwortlich.
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Nicht nur den Stadtrats-Posten, sondern auch das Büro im Urberacher Rathaus hat Andrea Schülner von Jörg Rotter übernommen. Seit dem 1. Juli 2019 ist sie für Finanzen, Soziales und öffentliche Ordnung verantwortlich.

Am 24. März 2019 hat CDU-Kandidat Jörg Rotter die Bürgermeister-Direktwahl in Rödermark klar gegen seine grüne Mitbewerberin Andrea Schülner gewonnen. 55,6 zu 24,2 Prozent lautete das Ergebnis. Damit war er Nachfolger von Roland Kern auf dem Chefposten im Rathaus. Knapp drei Monate später wählte die Stadtverordnetenversammlung Andrea Schülner zur Ersten Stadträtin.

Rödermark - Seit dem 1. Juli 2019 bilden sie die Doppelspitze des Magistrats: Wir sprachen mit Jörg Rotter und Andrea Schülner über das erste Jahr, in dem die klassische Kommunalpolitik plötzlich nur noch Nebensache war.

Die Dame zuerst. Zumal Sie, Frau Schülner, ja die wirklich Neue an der Magistratsspitze sind. Wie haben Sie sich an Ihrem neuen Arbeitsplatz eingewöhnt?

Die Fachbereiche, für die ich nun verantwortlich sein darf, haben mir den Start sehr leicht gemacht. Unsere Zusammenarbeit war vom ersten Tag an konstruktiv, offen und von Wertschätzung geprägt. Wir haben Gespräche geführt, aktuelle Informationen ausgetauscht, uns abgestimmt wie unsere Zusammenarbeit sinnvoll organisiert werden kann und erste Ziele vereinbart. Ich habe mich vom ersten Tag an wohl gefühlt, war in der Tat sehr überrascht, wie schnell das erste Jahr vergangen ist.

Was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen einem klar definierten Verantwortungsbereich mit 140 Beschäftigten wie in Frankfurt und der „halben“ Rödermark-Verwaltung, die – wahrscheinlich - ähnlich viele Mitarbeiter hat?

Da ich meinen beruflichen Werdegang fast ausschließlich im sozialen Bereich verbracht habe, kam es mir sehr entgegen, auch in unserer Stadt für die sozialen Belange aller Bevölkerungsgruppen verantwortlich zu sein. Die Kämmerei ist mein erster „klar definierter Verwaltungsbereich“, dort ist eben 1 + 1 = 2. Das macht Entscheidungen klar, transparent und nachvollziehbar für jeden Bürger. In Verwaltungsbereichen mit Ermessensspielräumen stellt es sich anders dar. Doch genau diese Spielräume sind die Herausforderung: den oder die bestmöglichen Wege zu gehen, Entscheidungen im Team zu erarbeiten und nachvollziehbar abzubilden.

Und nach außen heißt das?

Als Erste Stadträtin ist mir persönlich wichtig, für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt da zu sein, ein offenes Ohr zu haben. Die Fachbereiche, die in meiner Verantwortung liegen betreffen die Bevölkerung oft in belastender Weise, ob im Rahmen als Kämmerin oder als Ordnungsdezernentin Ansprechpartner zu sein ist unabdinglich, wenn es auch am Ergebnis nichts verändert, so sollte genau dies mindestens transparent sein.

Herr Rotter, was ist der Unterschied zwischen dem Amt des Ersten Stadtrates und dem des Bürgermeisters? Sagen Sie’s doch spaßeshalber mal im Twitterstil mit höchstens 280 Zeichen. Manche Leute machen so ja Weltpolitik...

Man spürt, dass man stärker im Fokus der Öffentlichkeit und der politischen Debatte steht. Die Erwartung von einem selbst und von anderen ist noch einmal höher, dafür sind die Gestaltungsmöglichkeiten größer. Als Bürgermeister spüre ich noch stärker Verantwortung für die Stadt und ihre Menschen.

...und ergänzen Sie jetzt, was Ihnen über jene 280 Zeichen hinaus wichtig ist.

Als Bürgermeister kann ich eigene und neue Akzente in der Stadtentwicklung setzen. Gerade Themen wie Gewerbeansiedlung sowie Schaffung von Wohnraum und Ortskernbelebung sind Herausforderungen für die Verwaltungsspitze. Hier gilt es mit ganzer Kraft Projekte erfolgreich anzustoßen und umzusetzen.

Sie beide haben sich das erste Amtsjahr garantiert anders vorgestellt. Nach den berühmt-berüchtigten 100 Tagen war’s ja nicht lange bis Corona. Wie sieht denn Ihre persönliche Bilanz aus?

Rotter: In einigen Projekten sind wir trotz Corona ein ganzes Stück weiter gekommen. Persönlich bin ich beeindruckt, dass viele Bürgerinnen und Bürger uns in der Corona-Pandemie unterstützt haben. Auch wenn uns nicht jede Entscheidung leicht gefallen ist, haben wir durchaus viel Verständnis und Zuspruch erfahren. Dafür möchte ich auch an dieser Stelle bei allen Bürgerinnen und Bürgern herzlich bedanken. In diesem Zusammenhang möchte ich auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Stadt danken. Sie haben Großartiges geleistet. Ich denke, wir sind als Mannschaft dadurch stärker zusammengerückt Schülner: Durch die enge Kooperation in und zwischen den Fachbereichen, gerade während des Shutdowns, habe ich schnell und vor allem intensiven Kontakt zu den Playern in den Fachabteilungen pflegen können. Wir haben gemeinsam, mit dem vorhandenen Ressourcen – IT, Räumlichkeiten, Personal – ein sagenhaftes Miteinander entwickelt. Gemeinsame Telefonkonferenzen, ständiger Austausch in Einzelgesprächen waren an der Tagesordnung. Alle haben sich eingebracht und zielgerichtet an der Aufgabenerledigung gearbeitet. Wir werden im August – zunächst in der Fachabteilung Kinder – Bilanz ziehen, was ist gut gelaufen, was schlecht, was nehmen wir mit, was können wir tun, um auf eine zweite Herausforderung gut vorbereitet zu sein.

Regierende auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene quer durch alle Parteien müssen sich seit Wochen teils scharfe Kritik gefallen lassen: die des Krisenmanagements an den Parlamenten vorbei. Was erwidern Sie diesen Leuten?

Schülner: Kritik wird schnell – leider auch häufig unüberlegt – geäußert und ist oft negativ besetzt. Doch sie ist ausgesprochen wichtig, um die vergangenen Wochen offen zu betrachten, Bilanz zu ziehen. Sie befähigt uns, alles Positive mit in die Zukunft zu nehmen und aus dem Negativen zu lernen. Zurückblickend kann ich nur sagen: Chapeau, wir sind in enger Kooperation von Bund, Land und Kommune bislang gut durch die Krise gekommen. Rotter: Ich kann die Kritik durchaus verstehen. Allerdings waren und sind alle Städte abhängig von den Entscheidungen des Landes oder Bundes. Und diese mussten schnell umgesetzt und kommuniziert werden. Deshalb haben wir auch unsere Öffentlichkeitsarbeit verstärkt, damit die Bürgerschaft zügig und transparent informiert wird.

Ab wann wird hier wieder normale Kommunalpolitik gemacht? Um den einst so wichtigen Rödermark-Masterplan ist’s ebenso still geworden wie um den Ortsumbau Ober-Roden, den „Quartiershof Kapellenstraße“ auf dem Paramount-Gelände und andere Themen der Stadtentwicklung.

Rotter: Corona hatte im Prinzip keinerlei Auswirkungen auf unsere Arbeit und unsere Aktivitäten hinsichtlich der genannten Projekte. Hier wird und wurde „normale“ Kommunalpolitik gemacht, hier ist die Verwaltung am Ball. Für das urbane Gebiet auf dem Paramount-Gelände muss der Vorhabenträger, dem mittlerweile die gesamte Fläche gehört, noch die Planungsunterlagen ergänzen. Die Grundstücksankaufsverhandlungen für das angrenzende Gewerbegebiet laufen gut. Am alten Gaswerk findet die Gebietsentwicklung nun ohne die Erbengemeinschaft statt – das Parlament hat ja in seiner jüngsten Sitzung den reduzierten Geltungsbereich beschlossen. Der Stadtumbau Ober-Roden ist im Plan. Wegen Corona kann eine geplante Bürgerversammlung so nicht stattfinden – da suchen wir gerade nach Alternativen. Das gilt auch für das Zukunft-Stadtgrün-Projekt in Urberach.

Setzen Sie auch völlig neue Schwerpunkte?

Schülner: Wir werden immer wieder vor neuen Herausforderungen stehen. Es werden immer mehr, vor allem vielfältigere Aufgaben in die Eigenverantwortung der Kommune übergeben, zum Beispiel die Sicherstellung der Schulkindbetreuung ab 2025. Dies ist auf jeden Fall zu begrüßen, denn wer, wenn nicht die Menschen vor Ort, wissen, was sie brauchen und wie es gelingen kann. Auch der Ordnungsbereich erfährt einen nicht unerheblichen Aufgabenzuwachs. Die Zukunft wird zeigen, ob wir auch die erforderliche finanzielle Ausstattung dafür erhalten – auch um das erforderliche Personal einzustellen.

Rotter: Es gibt keine völlig neuen Schwerpunkte. Es gibt aber neue Herausforderungen. Wir brauchen Antworten für neuen Wohnraum, denn die Potenziale der inneren Entwicklung haben Grenzen und schaffen auch Probleme in den Wohnquartieren. Dafür brauchen wir Antworten. Das Gleiche gilt auch, wenn es um die Schaffung von Gewerbeflächen geht. Das letzte Gewerbegrundstück haben wir Anfang des Jahres verkauft. Wir brauchen deshalb eine behutsame und ökologisch Stadtentwicklung.

Skizzieren Sie doch bitte mal Ihre Version vom Rödermark des Jahres 2030.

Rotter: Die Frage einer Vision ist berechtigt, da unsere Stadt inmitten der Rhein-Main Region liegt und deshalb auch große Chancen hat. Ich verfolge langfristige Ziele: Beide Ortskerne sind vollumfänglich saniert. Die Revitalisierung ist gelungen und wird aktiv von Bewohnern, Eigentümern und Gewerbetreibenden unterstützt. Die Rodau ist komplett renaturiert und die grüne Mitte dient Bürgern zur Naherholung und Möglichkeit der Freizeitgestaltung. Rödermark ist befreit vom Durchgangsverkehr und hat eine optimale Anbindung an den ÖPNV. Der Ausbau der S1 nach Dieburg und der S2 nach Urberach ist realisiert. Unsere Stadt ist die kinderfreundlichste in der Region. Für Senioren werden ausreichend altersgerechte Wohnkonzepte angeboten.

Von der Wirtschaft war bisher keine Rede...

Aber jetzt: Rödermark hat steigende Einnahmen in der Gewerbesteuer aufgrund einer guten Ansiedlungspolitik. Dadurch kann Rödermark wieder Rücklagen für die nächste Generation bilden. Rödermark ist ein Leuchtturm für eine aktive Bürgergesellschaft im Kreis Offenbach. Rödermark ist Vorreiter in der Klimabilanz der Städte. Der gesellschaftliche Umgang ist geprägt von Toleranz, Respekt und einem friedvollen Miteinander.

Ist damit schon alles gesagt, Frau Schülner?

Der Punkt ist fast abschließend beantwortet, dennoch drängen sich mir Ergänzungen auf: Rödermark hat ein multifunktionales Haus, in dem alle Gruppierungen eine Heimat gefunden haben. Wir finden dort Kinder- und Jugend, Senioren sowie das SchillerHaus, es gibt dort ausreichende Räumlichkeiten, für unsere Vereine wie auch Quartiersgruppen. Und Rödermark hat neben dem Ausländer- und Seniorenbeirat auch ein Kinder- und Jugendparlament!

Seit 2011 regiert Schwarz-Grün in Rödermark mit einer satten Mehrheit. Das macht der Verwaltungsspitze die Arbeit leicht, aber tut das der Politik gut?

Rotter: Es gibt stabile und verlässliche Mehrheiten für das Regierungshandeln. Dies ist mit Sicherheit kein Nachteil für unsere Stadt. Man kann aber auch feststellen, dass wir eine gut funktionierende Opposition haben. Insgesamt funktioniert doch im Vergleich zu anderen Kommunen unsere politische Zusammenarbeit in Rödermark gut. Ich selber habe auch allen Fraktionen angeboten, sie zu Ihren Sitzungen zu besuchen. Schülner: In unseren Ausschüssen wie auch im Parlament wird schon immer kräftig und offen diskutiert, auch kontrovers. Genau das ist für mich gute Politik.

Was wäre, wenn ich Bürgermeister wäre? Der neugewählte Verwaltungschef Jörg Rotter sammelt auch bei Kindern Ideen, wie er Rödermark schöner machen kann.

Zum Schluss aber nochmal eine Corona-Frage: Wann darf der Bürger eigentlich wieder ins Rathaus, ohne das Gefühl zu haben, dass er einen Hochsicherheitsbau betritt? Erzieherinnen, Lehrer oder Handwerker tun ihren Job mit viel mehr Nähe und viel weniger Schutzmaßnahmen.

Rotter: Alle Bürgermeister des Kreises haben ein gemeinsames Verfahren und Vorgehen zu den Öffnungszeiten der Rathäuser festgelegt. Nach den ersten Lockerungen haben wir in Rödermark unser Serviceangebot ausgebaut. Wir haben nun unsere Zeiten von 8 bis 16 Uhr durchgehend und damit mehr als verdoppelt. Die Terminvergabe läuft unkompliziert und gibt dem Bürger und meinen Mitarbeitern eine gewisse Sicherheit. Aus meiner Sicht hat sich die Situation deutlich verbessert und entspannt. Schülner: Terminierung ist das Schlüsselwort, dem kann ich nichts hinzufügen. In meinen bisherigen Arbeitsfeldern habe ich die Erfahrung machen dürfen, dass kein besseres System existiert. Lassen Sie mich doch zwei Beispiele nennen: Bei der Anmeldung eines Gewerbes, vor allem aber bei sozialen Angelegenheiten ist durch Abstand der Datenschutz gewahrt. Oder nehmen Sie einmal eine Familie mit drei oder vier Kindern, bei der alle neue Ausweise brauchen. Da ist mit dem Abnehmen der Fingerabdrücke und so weiter schnell mal eine Stunde um. Durch die Anmeldung kann der Sachbearbeiter entsprechend Zeit einplanen, und der Bürger hat ein planbares Zeitfenster für sein Anliegen und damit keine unnötige Wartezeit. (Das Gespräch führte Michael Löw)

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